Fragen Sie Reich-Ranicki

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Ein Elementarereignis

Empfinden Sie jetzt anders über einzelne Autoren, die Sie früher in Ihrem Leben begeistert haben? Und gibt es Autoren, von denen Sie in Ihrer Jugend begeistert waren und später enttäuscht wurden?
Christian Carlsen, New Orleans, Amerika

Marcel Reich-Ranicki: Jawohl, beides gibt es. Ich war in meiner Jugend geradezu hingerissen von Kleists Prosa und Büchners Dramen, von den Romanen Fontanes und den Novellen Schnitzlers, von Brechts Lyrik, von Tucholskys Feuilletons und von Polgars Kritiken. Ich liebe diese Autoren auch als alter Mann. Natürlich gibt es den umgekehrten Fall: Werke, die mich in jungen Jahren tief beeindruckt haben, deren Wirkung aber mit der Zeit offensichtlich nachgelassen hat. Ich könnte hier viele Beispiele anführen, ich will mich aber heute auf ein einziges beschränken: Shakespeares „König Lear“.

Ich las diese Tragödie in meiner Jugend - respektvoll, ja ehrerbietig. Doch zugleich hat mich das Stück auch enttäuscht: Es schien mir nicht vergleichbar mit „Hamlet“, „Romeo und Julia“ oder „Julius Cäsar“. Die Geschichte eines offenbar senilen Greises, der nicht mehr imstande ist, die Welt wahrzunehmen, geschweige denn sie einigermaßen vernünftig zu beurteilen, der sein Reich leichtsinnig verschenkt und auf die Gnade von zwei bösen, niederträchtigen Töchtern angewiesen ist, der vereinsamt und wahnsinnig auf der Heide umherirrt (und zu allem Unglück gibt es auch noch Sturm, Blitz und Donner) - nein, diese Geschichte konnte mich schwerlich überzeugen.

Eine Frage des Alters

Aber der „König Lear“ gehört doch zu den berühmtesten Tragödien der Weltliteratur. Ich wurde unsicher, ich las dies und jenes über das Stück. Mein Freund, der vorzügliche Theaterkritiker Georg Hensel, den wir auf keinen Fall vergessen dürfen, schrieb über „König Lear“ den schönen Satz: „Diese Tragödie ist ein Elementarereignis, wie der Sturm auf der Heide.“

Letztlich allerdings konnte mir nichts helfen, nichts mir den Fall klären - bis ich schließlich eine Kritik des großen Alfred Kerr aus dem Jahre 1908 fand. Zu meiner Überraschung und Freude las ich über den „Lear“: „Dieses Werk ist mir auf der Bühne heute fast unerträglich, mit den Kinderplumpheiten, den dicken Häufungen, die es neben der Größe zeigt.“ Damit war der Fall „König Lear“ für mich erledigt - so schien es mir.

Nach dem Krieg habe ich das Stück mehrmals gesehen, in verschiedenen Sprachen. Allmählich hörte das archaische Märchen auf, mir gleichgültig zu sein. Ich begann die Gründe seines Ruhms zu verstehen. Warum hatte sich mein Verhältnis zu diesem Drama mit den Jahren deutlich geändert? Ich wusste es nicht - bis mir ein spätes Gedicht Goethes aufgefallen ist. Es beginnt mit den Worten: „Ein alter Mann ist stets ein König Lear!“ Als Goethe dies schrieb, war er 78 Jahre alt, als ich es in seinen Werken fand, war ich 79 Jahre alt.

Muss man alt werden, um den „Lear“ zu begreifen, zu bewundern?

Ihre Fragen schicken Sie an Sonntagsfrage@faz.de oder Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, Stichwort „Sonntagsfrage“, Mittelstraße 2-4, 10117 Berlin.



Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 11.03.2007, Nr. 10 / Seite 31
Bildmaterial: AP

 
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