Schriftsteller sind Geschichtenerzähler in mehr oder weniger kunstvoller Sprache (habe ich schon mal irgendwo geschrieben). Und Kritiker machen sich anheischig darüber zu urteilen, ob die Schriftsteller ihre Arbeit gut oder weniger gut machen. Ich frage mich immer wieder, warum man von Schriststellern erwartet, dass sie in politischen Fragen klüger sein sollen als andere Biertrinker. Günter Grass trommelt weiterhin für die SPD, während Rolf Hochhuth in einer Frensehsendung, noch nicht lange her, die SPD eine "völlig verrottete Partei" genannt hat. Kritiker können mit ihren Ansichten genauso daneben liegen, was übrigens Herr Reich-Ranitzki, den ich ausserordentlich schätze, auch nie bestritten hat. Wahrscheinlich hat er im Fall Frank Thiess unrecht. Ich kenne Thiess nur als Herausgeber der Briefe von Wilhelm Furtwängler, aber Reich-Ranitzkis Frage, warum er ein zweibändiges Werk über einen Tenor lesen sollte, scheint mit doch ein bisschen zu leichtfertig dahergeredet. Wer sich für Oper, Opernsänger, klassische Musik im allgemeinen und Caruso im besonderen interessiert, wird doch mit Thiess' Zweibänder vermutlich allerbestens bedient.
Man mag sicher nicht jeden Schriftsteller gut finden (oder auch schlecht), aber Frank Thiess, der u.a. einen hervorragenden autobiografischen Roman über seine/meine Heimatstadt geschrieben hat, ist nicht vergessen, und dies zu Recht! Man wird mancher seiner Werke noch lesen, wenn von Grass u.a. nicht mehr die Rede sein wird, übrigens zu Recht. Der Nobelpreis ist auch nicht mehr, was er einmal war.
Den Briefwechsel mit Thomas Mann kenne ich leider nicht, werde versuchen es nachzuholen. Nur muss ich mit aller Deutlichkeit feststellen, dass der schriftstellerisch geniale Thomas Mann, mit Verlaub gesagt, politisch ein Musterbeispiel für Inkompetenz war (wäre da nicht seine einseitige Genialität, ich würde sagen "ein politischer ein Dummkopf"). Seine Aussage zum "Antikommunismus als der Grundtorheit unseres Jahrhunderts" sollte als Beleg ausreichen. Hundert Millionen durch den Kommunismus (von Russland bis China) ermordete Menschen sind eine all zu deutliche Sprache.
Es wird niemanden wundern, dass ich , im Gegensatz zu Reich-Ranicki, bezüglich des Briefwechsels voraussichtlich nicht auf der Seite Manns stehen werde, da auch ich eine Diktatur "bis fast zur Neige" auskosten durfte.