Was halten Sie von Saul Bellow? Dr. Friedrich Klotz, Sigmaringen
Reich-Ranicki: Der feinfühlige und geistreiche, von des Gedankens Blässe angekränkelte und von Skrupeln und Hemmungen gequälte Professor oder Literat, der im Mittelpunkt aller Romane und Geschichten Saul Bellows steht, ist ein Jude. Er wird meist mit charakteristischen jüdischen (und auch als jüdisch geltenden) Eigentümlichkeiten versehen. Diese stark betonte Besonderheit der Hauptfiguren Bellows hat den Wirkungsbereich seines Werks keineswegs eingeschränkt. Im Gegenteil, die Zugehörigkeit zu einer Minderheit hat die Allgemeingültigkeit dieser Gestalten vielleicht noch gesteigert. Denn die Außenseiterposition der Helden Bellows verändert und verschärft ihre Reaktion auf die gesellschaftlichen Verhältnisse, auf ihre ganze Umwelt. Die Krise des heimatlosen jüdischen Intellektuellen ist eine grelle und daher deutlich (oder auch überdeutlich) wahrnehmbare Variante eines Zustandes, der beispielhaft ist für den Intellektuellen dieser Epoche.
Mit anderen Worten: Diese einsamen Sonderlinge, die aus den jüdischen Vierteln amerikanischer Großstädte kommen, sind weit über das Regionale oder das Nationale typische Gestalten. Bellow zeigt im Extremen das Exemplarische. Daher haben die Leser der ganzen Welt in den von ihm gezeichneten Porträts amerikanischer Juden sich selber wiedergefunden, die eigenen Konflikte und Komplexe. Den deutschen Lesern erscheint die Comédie humaine Bellows, übrigens eines Bewunderers der deutschen Literatur, niemals fremd oder gar exotisch. Wie sollte sie es auch? Erzählt er doch von Menschen, die, irrend, solang sie streben, erkennen wollen, was die Welt im Innersten zusammenhält. Und deren Weisheit letzter Schluss das Bekenntnis zum Ewigweiblichen ist.
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Text: F.A.S.
Bildmaterial: AP