Fragen Sie Reich-Ranicki
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Späte Würdigung und erster Eindruck

02. Januar 2006 

Was halten Sie von den DDR-Lyrikern Georg Maurer und Johannes Bobrowski?
Michael Henselmann

Marcel Reich-Ranicki: Maurer gehörte zu seinen Lebzeiten (er starb 1971) zu den in der DDR angesehenen Lyrikern, nicht zuletzt als Förderer und Mentor vieler Poeten der damals jüngeren Generation. In der Bundesrepublik indes fand er kaum ein Echo. Mich ließen seine meist strengen Verse kalt.

Als ich unlängst an dem Lyrikteil des Kanons der deutschen Literatur arbeitete, befaßte ich mich abermals mit Maurers Poesie. Sie ist mit der Zeit nicht besser geworden. Schließlich habe ich ihn doch mit einem Gedicht („Auf der Neckarbrücke in Heidelberg“) in den Kanon aufgenommen.

Ungleich stärker hat mich Johannes Bobrowskis Lyrik berührt und interessiert. Seine schwermütigen Verse verknüpfen auf originelle Weise die unübersehbare Herkunft von der Tradition mit der entschiedenen Hinwendung zur Moderne. Ich hielt es für angemessen, von ihm im Kanon fünf Gedichte zu berücksichtigen. 1962 erhielt er den Preis der „Gruppe 47“, und zwar gegen Peter Weiss, der in der geheimen Wahl überraschend unterlag. Bobrowski habe, wurde damals gemunkelt, vom DDR-Bonus profitiert.

In der neuen Brockhaus-Enzyklopädie ist zu lesen, seine Leistung warte noch „auf die angemessene Würdigung“. Da seit Bobrowskis Tod immerhin vierzig Jahre vergangen sind, bin ich nicht sicher, ob man mit dieser Würdigung noch rechnen kann. Wie auch immer: In keiner Anthologie der deutschen Dichtung des zwanzigsten Jahrhunderts sollte Bobrowski fehlen.

Gibt es eine Reiz-, Hemm- und Schmerzschwelle, bei welcher Sie ein zum Zwecke der Rezension begonnenes Buch beiseite legen und Ihr Urteil vor Beendigung fällen? Wenn ja, beschreiben Sie diese Schwellen?
Thomas Förster, Bad Schussenried

Marcel Reich-Ranicki: Wenn ich Sie recht verstehe, wollen Sie wissen, wie lange es dauert, bis ich es weiß, daß ich ein Buch, das ich rezensieren sollte, nicht rezensieren werde. Das ist sehr unterschiedlich, hat indes mit irgendwelchen Schwellen nichts zu tun. In vielen Fällen dauert es kaum mehr als fünf Minuten. Das mag hochmütig klingen, ist es jedoch keineswegs. In der Praxis sieht es so aus: Ich lese, sagen wir, von einem Roman die ersten zwanzig Zeilen, dann, wenn sie nichts taugen, noch aus der Mitte des Buches wiederum zehn oder zwanzig Zeilen und ebensoviel vom letzten Kapitel oder von der letzten Seite. Im Grunde hat die erste Stichprobe schon genügt, denn es geschieht sehr selten, daß der Anfang eines Romans in stilistischer Hinsicht enttäuscht (richtiger gesagt: abstößt), später aber das sprachliche Niveau nennenswert höher ist.

Diese simple Stichprobenmethode hat, wenn ich sie in Interviews erwähne, schon oft Mißverständnisse ausgelöst. Man sagte mir nach, ich hätte erklärt, ich wüßte nach zwanzig Zeilen, ob ein Buch gut oder schlecht sei. Nein, das ist unmöglich. Wohl aber genügen oft schon zwanzig Zeilen, um zu erkennen, daß der Autor ein schlechtes Deutsch schreibt. Tatsächlich zwanzig Zeilen? Wie viele Sekunden benötigen wir denn, um zu merken, daß ein billig erworbenes Parfüm oder eine verdorbene Wurst übel riecht?

Wenn die ersten Stichproben einen guten Eindruck machen, dann ist die Qualität des Ganzen noch nicht garantiert. Es gibt ja ordentliche oder sogar gute Stilisten, die nichts zu sagen haben, wie es andererseits Autoren gibt, die viel erzählen können, doch mit der Sprache nicht zu Rande kommen.

Was tun, wenn die Stichproben erfreulich oder gar glänzend sind? Dann muß man natürlich das Buch lesen. Wieviel? Ich habe mich an die Regel gehalten: zehn Prozent. Wenn ein 400-Seiten-Roman nach der Lektüre von vierzig Seiten noch kein sonderliches Interesse geweckt hat, dann habe ich aufgehört zu lesen, aber mich gehütet, mich über dieses Buch zu äußern.

P. S. Auf die Frage, wie Schillers „schrecklichster der Schrecken“ von der „Glocke“ in den „Wilhelm Tell“ gewandert ist, werden wir in der nächsten Woche eingehen.

Ihre Fragen schicken Sie an Sonntagsfrage@faz.de oder Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, Stichwort „Sonntagsfrage“, Mittelstraße 2-4, 10117 Berlin.



Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 01.01.2006, Nr. 52 / Seite 28

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