Fragen Sie Reich-Ranicki

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Das Dichterzürnerle

06. März 2007 Halten Sie es für möglich, dass Thomas Bernhard die Sinnlosigkeit des Lebens überwinden konnte, weil er die Lächerlichkeit der menschlichen Existenz in seinem Werk geradezu manisch reflektierte? Halten Sie sein Werk für überholt?
Philipp Engel, Bochum

Ja, er protestierte gegen seine Umwelt und damit gegen die Welt schlechthin. Er empörte sich gegen das menschliche Dasein. Bernhards Werk ist eine fortwährende Meuterei, eine endlose Rebellion. Seine Romane, Geschichten und Dramen sind Berichte eines Leidtragenden, Konfessionen eines Besessenen, seine bohrende Teilnahme galt den Gefährdeten und Verlorenen, den Menschen, die vom Sog der Abgründe erfasst werden.

So eindeutig Bernhards Vorliebe für das Beklemmende und das Makabre, so legitim scheinen die Beweggründe zu sein, von denen er sich leiten ließ. Ihn faszinierten die dunkelsten Bereiche unserer Existenz, weil er gerade dort - und nur dort - die Antwort auf die entscheidenden Fragen zu finden hoffte. Er schwelgte im Krankhaften, doch soll das Pathologische das Wesen des Menschen erkennbar machen und das Anormale die Fragwürdigkeit dessen vergegenwärtigen, was wir für normal zu halten gewohnt sind.

Bernhard hat der Eloquenz der Ratlosigkeit bisher ungeahnte Töne abgewonnen, er hat die Suada der Verzweiflung bis zum nahezu Unerträglichen gesteigert. Die Grundelemente der Prosa Bernhards sind die Litanei und das Lamento. Er ist, wenn man so sagen darf, der Erfinder der komischen Litanei, des heiteren Lamento. Seine Bücher leben von polaren Spannungen, zumal jener zwischen Schwermut und Humor. Ob Bernhards Werk überholt sei? Nein, keineswegs.

Immer wieder bewundere ich Tolstoi und Dostojewskij für die präzisen und empfindsamen Ausführungen der Regungen, die sich in der Seele der Romanfiguren zutragen. Gibt es tatsächlich eine typisch russische Erzählweise, die sich durch höchste Empfindsamkeit auszeichnet und sich um Impulse aus der Epoche bemüht, in der die Autoren lebten?
Harry Steimann, Kronberg

Was Sie als typisch für die russische Erzählweise bezeichnen, trifft schon zu, aber es ist auch für andere große Literaturen des neunzehnten Jahrhunderts typisch, zumal für die französische mit solchen Schriftstellern wie Stendhal, Balzac oder Flaubert.

Michael Ende übt mit der Gestalt des „Büchernörgele“ Rache an der Literaturkritik im Allgemeinen und an Ihnen im Besonderen. Haben Sie ihm das persönlich übelgenommen?
Matthias Mansfeld, Haar

Nein, nicht im Geringsten. Im Gegenteil, ich habe Verständnis für seinen Zorn, denn ich habe ihn nie erwähnt, ja nicht einmal gelesen und werde ihn bestimmt auch in Zukunft nicht lesen.

Ihre Fragen schicken Sie an Sonntagsfrage@faz.de oder Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, Stichwort „Sonntagsfrage“, Mittelstraße 2-4, 10117 Berlin.



Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 04.03.2007, Nr. 9 / Seite 27

 
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