Fragen Sie Reich-Ranicki

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Legendenbildung

07. November 2006 Von einer der von meinem Vater rezitierten Balladen weiß ich weder Titel noch Dichter noch den Text, bis auf die Endzeilen. Die Rede ist von drei Mädchen mit aufgesteckten Zöpfen:

. . . die kleine Komtess, das Weltkind in der Mitten.
Und Kronen trugen sie alle drei:
Die Kronen meines Lebens.

Helga Reintrock, Idstein

Marcel Reich-Ranicki: Das Zitat entstellt das zitierte Gedicht. Es muß heißen:

Die Schusterstochter, die kleine Komtess,
Das Sträflingskind in der Mitten.
. . .
Und Krönchen tragen sie alle drei:
Die Kronen meines Lebens.

Mit diesen Zeilen endet die Ballade „Gekrönte Liebe“ von Rudolf Herzog, der von 1869 bis 1943 gelebt hat. Er war ein schlechter Lyriker und Dramatiker, der heute ganz vergessen ist. Die Formulierung „Das Sträflingskind in der Mitten“ paraphrasiert Goethes Wort

„Prophete rechts, Prophete links,
Das Weltkind in der Mitten.“

Hat Thomas Mann mit der Figur des Goethe in „Lotte in Weimar“ den „echten“ Goethe getroffen, also gut gezeichnet?
Wolfgang Schäffner, Magdeburg

Marcel Reich-Ranicki: Hier gleich meine Antwort: Ich weiß es nicht. Und ich bin sicher, daß niemand imstande ist, diese Frage zu beantworten. Wir alle, die wir Goethe mehr oder weniger gründlich kennen, haben ein bestimmtes Bild von seiner Persönlichkeit. Es ist das Ergebnis der (bisweilen jahrzehntelangen) Beschäftigung mit seinen Werken, Briefen, Tagebüchern und Gesprächen und natürlich auch mit unzähligen Arbeiten über ihn.

Jeder hat ein anderes Bild von Goethe - und das ist gut so. Und das gilt für alle Schriftsteller, Komponisten oder Maler, die uns interessiert haben. Niemand kann behaupten, seine Sicht sei die einzig richtige oder authentische - nicht einmal Thomas Mann, der übrigens nie derartiges für sich in Anspruch genommen hat.

Um Hugo von Hofmannsthal ist es - sieht man von Ulrich Weinzierls Studie und dem Salzburger „Jedermann“ ab - still geworden. Zu Recht?
Bernd Frommelt, Hofheim

Marcel Reich-Ranicki: Schon die Tatsache, daß unlängst Ulrich Weinzierls umfangreiches und gründliches Buch über Hofmannsthal erschienen ist und daß der „Jedermann“ nach wie vor alljährlich in Salzburg gespielt wird, beweist, daß die Behauptung, es sei um Hofmannsthal still geworden, nicht zutrifft. Seine „Elektra“ wurde (mit der Musik von Strauss und auch ohne Musik) in den letzten Jahren mehrfach aufgeführt. Die Strauss-Opern „Rosenkavalier“, „Ariadne auf Naxos“ und „Frau ohne Schatten“ spielt man in der ganzen Welt. Seminare und Kurse über Hofmannsthal werden seit vielen Jahren von zahlreichen Universitäten veranstaltet und haben großen Zulauf. Also sollte man von der Legendenbildung (es sei still um ihn geworden) doch lieber ablassen.

Ihre Fragen schicken Sie an Sonntagsfrage@faz.de oder Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, Stichwort „Sonntagsfrage“, Mittelstraße 2-4, 10117 Berlin.



Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 05.11.2006, Nr. 44 / Seite 31
Bildmaterial: AP

 
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