Wir Abiturienten der späten vierziger Jahre haben damals mit Enthusiasmus die Bücher von Ernst Wiechert gelesen (Die Magd des Jürgen Doskocil, Das einfache Leben, später Missa sine nomine). Wie erklären Sie sich das Vergessen dieses Schriftstellers?
Hermann Driesch, Boppard
Marcel Reich-Ranicki: Ich gehöre ebenfalls zu den Abiturienten, die, etwas früher als unser Leser aus Boppard, Romane und Erzählungen von Ernst Wiechert gelesen haben - allerdings ganz ohne Enthusiasmus. Wir fanden diese Literatur sentimental, wehmütig und weltfremd. Auch die späteren Bücher Wiecherts haben mich nicht ernsthaft interessieren können.
Im Gedächtnis blieb mir hingegen eine schöne, ganz dünne Broschüre Wiecherts mit einem Vortrag, den er an der Berliner Universität gehalten hat. Der Titel lautete Die Dichter und die Zeit. Zu finden waren hier eindrucksvolle poetische Interpretationen einzelner Gedichte von Goethe, Claudius, Hölderlin und Mörike. Es war eine unzweifelhaft gegen verschiedene Maßnahmen der Nationalsozialisten gerichtete Streitschrift. Wiechert wurde im Konzentrationslager Buchenwald inhaftiert.
Nach seiner Entlassung hat ihn die Gestapo beaufsichtigt. Seine Nachkriegsbücher blieben mir, ähnlich wie die früheren, vollkommen fremd. Wie auch immer: Wir sollten seiner dankbar gedenken.
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Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 10.06.2007, Nr. 23 / Seite 30