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Was halten Sie von Flaubert und „Madame Bovary“?

Könnten Sie bitte in einigen Sätzen Flaubert und seine „Madame Bovary“ charakterisieren? Elisabeth Steinfeld, Wien

Gustave Flaubert

Gustave Flaubert

Reich-Ranicki: Flaubert war beides zugleich und auf einmal - ein Poet und ein Protokollant, ein Romantiker und ein Realist, ein Visionär und ein Berichterstatter, stets leidenschaftlich und pedantisch zugleich. Er war Frankreichs sachlichster Dichter und zärtlichster Chronist, wahrscheinlich der neben den Russen Tolstoi und Dostojewskij größte Prosaschriftsteller des neunzehnten Jahrhunderts. Sein Hauptwerk, der Roman „Madame Bovary“, hat längst die Grenzen gesprengt: Er wurde in alle Sprachen der zivilisierten Welt übersetzt, man hat ihn mehrfach verfilmt und auch vertont und für die Bühne bearbeitet. Und natürlich wurde er zahllose Male kommentiert.

Woran geht eigentlich Emma Bovary, deren Geschichte Flaubert erzählt, zugrunde? An der unglücklichen Ehe mit einem biederen und langweiligen Landarzt? An ihrer bornierten, kleinbürgerlichen Umgebung? An der Monotonie des Alltags in einem französischen Provinznest? An dem Konflikt zwischen Traum und Leben, zwischen Phantasie und Realität, also an der Scheinwelt, in der sie Zuflucht sucht? Sind es die überspannten Wünsche und die romantischen Vorstellungen, die ihr zum Verhängnis werden? Oder scheitert sie an der Liebe, genauer: an der Sehnsucht nach Liebe?

So viele Fragen es auch sind, die der Roman aufwirft - die Zahl der Antworten ist ungleich größer. Denn jeder Leser versteht diese Geschichte auf seine Weise. Millionen haben sich in ihr wiedergefunden - vielleicht deshalb, weil wir hier von einem Menschen hören, dem kein Preis zu hoch war, um zu leben, statt zu vegetieren.

Es gibt nicht viele Romane, von denen man sagen kann: Wer sie nicht gelesen hat, sollte wissen, daß er keine Ahnung hat, was die Weltliteratur leisten kann. „Madame Bovary“ ist ein solcher Roman.

Stefan Zweig schreibt in seinem Essay über Dostojewskij: „In die ewige Freistatt aller Unbefriedigten, das Asyl der Vernachlässigten ist er geflohen, in die bunte und gefährliche Welt der Bücher.“ Sehen Sie hierzu Parallelen auch in Ihrem eigenen Leben?“ Georg Köhler, Mainz

In meiner Jugend herrschte in Deutschland Adolf Hitler. Es ist richtig, daß ich in dieser Zeit in eine Gegenwelt geflohen bin, in die Welt der deutschen Literatur und der deutschen Musik und in die Welt des Berliner Theaters. Dostojewskij? Ja, ich habe in jener Zeit viel von ihm gelesen, vor allem die Romane „Die Brüder Karamasow“, „Der Idiot“ und „Verbrechen und Strafe“, der damals irrtümlich „Schuld und Sühne“ betitelt war. Seitdem halte ich ihn für einen der größten Romanciers der Weltliteratur.

Ihre Fragen schicken Sie an Sonntagsfrage@faz.de oder Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, Stichwort „Sonntagsfrage“, Mittelstraße 2-4, 10117 Berlin.



Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 29.01.2006, Nr. 4 / Seite 25
Bildmaterial: picture-alliance / dpa

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