Mascha Kaléko wäre in diesem Jahr 100 Jahre alt geworden. Was ist das Besondere an ihren Gedichten?
Gerlinde Schaub, München
Marcel Reich-Ranicki: Mascha Kaléko wurde 1907 in Polen geboren, in der Nähe einer Stadt, von der, bevor sie berühmt wurde, in Deutschland kaum jemand gehört hatte: Auschwitz. Als der Weltkrieg ausbrach (der Erste!), floh sie mit ihren Eltern nach Deutschland. Ihr Leben wurde von der Heimatlosigkeit geprägt. Sie blieb überall eine Fremde: In Deutschland eine polnische Jüdin, in Israel eine deutsche Jüdin, in Amerika eine unbelehrbare Europäerin. Und in Polen? Da kennt man nicht einmal ihren Namen.
Ihre Gedichte machen es den Kritikern schwer und den Lesern immer leicht. Denn sie dichtete ihr Leben, und sie lebte ihre Dichtung. In ihren Versen fällt ein leiser Widerspruch auf, der ihnen einen besonderen Reiz verleiht. Ihre Heiterkeit ist munter, aber elegisch, ihre Schwermut ganz leicht, aber scherzhaft. Wie denn, scherzhafte Melancholie? Ja, denn sie sieht die Welt mit einer lachenden Träne im Auge (die Formulierung stammt von Heine).
Ihre frühesten Gedichte erscheinen Ende der zwanziger Jahre in den Berliner Zeitungen - und zwar gleich in den führenden. Sie hat sofort viele Leser und einige etwas ratlose Kritiker. Sie wissen nicht recht, wie man die Anfängerin einordnen soll. Zum Vergleich wurden verschiedene Namen genannt: Morgenstern und Ringelnatz, vor allem aber Tucholsky und Kästner.
Die Ursache des verblüffenden Erfolgs dieser Lyrik ist ihre authentische Naivität. Die Kaléko schreibt, wie ihr der Schnabel gewachsen ist. Das ergab rasch und ohne Umstände eine neuartige Großstadtlyrik. Sie fixierte Berliner Lebensgefühl, gewürzt und veranschaulicht mit Beobachtungen des Alltags.
Ihre Gedichte sind Identifikationsangebote aus weiblicher Sicht. Dass sie so klar und einfach sind, das bewirkte ihre enorme Beliebtheit. Von der Kaléko konnten sie erfahren, wie es auf der anderen Seite, auf dem anderen Ufer aussieht. Diese Gedichte wurden sofort vom Berliner Kabarett aufgegriffen, auch von den berühmtesten Diseusen. Alle literarischen Formen waren der Kaléko recht: Songs und Chansons, Balladen und Moritaten, Couplets und Parodien.
Die junge Kaléko wurde die einzige Frau unter den Autoren der Neuen Sachlichkeit. Ich bin gar nicht sicher, ob sie diesen vagen, wenig populären Begriff kannte. Aber was sie für die alltägliche Wirklichkeit hielt, sagte sie wiederholt in ihren Gedichten: Zur Heimat erkor ich mir die Liebe.
1938 emigrierte sie nach Amerika. Sie lebte dann in Israel, vorübergehend in Deutschland und schließlich in Zürich. 1975 starb die Dichterin, die man die Bänkelsängerin der Moderne nannte.
Was ist das Aktuelle an Balzacs Gesellschaftsromanen?
Ludwig Arndt, Chemnitz
Marcel Reich-Ranicki: Die Darstellung der französischen, zumal der Pariser Gesellschaft in seiner Epoche. Überdies: Brennend aktuell ist unentwegt seine Qualität.
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Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 02.12.2007, Nr. 48 / Seite 28
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