Fragen Sie Reich-Ranicki

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Schreiben berauschte Schriftsteller bessere Bücher?

18. Juni 2008 Was halten Sie von der Bühnenbearbeitung von Romanen? Sergio Risi, Mainz

Reich-Ranicki: Diese Frage ist mir schon mehrfach gestellt worden. Das zeugt wohl davon, dass manche unserer Leser unsicher sind, wie man solche Produkte der Literatur beurteilen sollte. Um es gleich zu sagen: nicht etwa ablehnend, aber doch skeptisch. In den meisten Fällen sind es weltberühmte Romane, die man gern auf die Bühne bringt, also Romane beispielsweise von Balzac („Eugénie Grandet“), Flaubert („Madame Bovary“), Tolstoi („Krieg und Frieden“), Dostojewskij („Verbrechen und Strafe“, früherer Titel „Schuld und Sühne“). Die Intendanten greifen zu diesen Romanen, wenn sie den Eindruck haben, dass der Vorrat der klassischen Dramen wieder einmal erschöpft ist. Manche Aufführungen von Romanbearbeitungen gehen auf Vorschläge oder Bitten bekannter Schauspielerinnen zurück. Ob die szenische Fassung besser oder schlechter ist - man sollte sie befürworten, wenn sie zur Folge hat, dass Leser, die diesen oder jenen berühmten Roman bisher nicht gelesen haben, das jetzt nachholen. Allerdings sollte man sich keine Illusionen machen: Ich kenne keinen einzigen Roman, der einen ständigen Platz auf der Bühne gefunden hätte, es sei denn, es handelt sich um Opern. Doch wer liest nach einer „Bohème“-Aufführung den Roman von Henri Murger, der der Puccini-Oper zugrunde liegt? Ich jedenfalls kann diese Lektüre nicht empfehlen.

Welche Wege empfehlen Sie, um Friedrich Hölderlin näherzukommen beziehungsweise ihn zu verstehen? Klaus Busch, Falkensee

Wer einem Dichter näherkommen und ihn verstehen will, muss seine Verse lesen. Einen anderen Weg gibt es nicht. Freilich sind viele Gedichte von Hölderlin nicht so leicht verständlich. Gerade für diese Leser, die Schwierigkeiten mit der Poesie haben, wurde im Jahre 1974 von der F.A.Z. die „Frankfurter Anthologie“ gegründet. Bisher sind 31 Bände dieser „Anthologie“ erschienen, bald wird der zweiunddreißigste veröffentlicht. Es werden dann in dieser Sammlung insgesamt 1750 Gedichte mit Interpretationen enthalten sein. Von Hölderlin werden nicht weniger als 28 Gedichte mit Interpretationen geboten sein. Sie sind in verschiedenen Bänden enthalten, werden aber im Jahre 2009 in einem Sonderband (wie es solche Bände mit den Gedichten von Goethe, Heine, Rilke und Brecht gibt) zu finden sein. Eine andere Möglichkeit haben die Leser, die Dramen kennenlernen möchten. Sie sollten sich von Bühnenaufführungen belehren lassen, natürlich von guten, solchen also, die sich bemühen, das, was Schiller oder Goethe, Lessing oder Kleist gewollt haben, tatsächlich auf der Bühne zeigen wollen.

Schreiben berauschte Schriftsteller bessere Bücher? Schreiben Sie manchmal im Rausch? Oder gibt es klares Schreiben nur mit klarem Kopf? Dr. Walter Kirsch, Frankfurt am Main

Ich glaube nicht, dass berauschte Schriftsteller bessere Bücher schreiben, ich habe noch nie versucht, etwas Ernstes im Rausch zu schreiben, ja, ich bin überzeugt, dass man klar nur mit klarem Kopf schreiben könne. Damit könnte ich meine Antwort zur Alkoholfrage abschließen. Aber ich erinnere mich an einen kleinen und wichtigen Aufsatz von Thomas Mann. Als er einmal eine Novelle (ich glaube, es war die „Schwere Stunde“) unbedingt noch nachmittags fertigmachen musste, habe er eine halbe Flasche Champagner zu Hilfe gezogen. Dies kommentierte Thomas Mann: „Aber es handelte sich dabei weniger um Stimulation als um Beruhigung . . . Im allgemeinen halte ich nicht das Geringste von der ,Inspiration' durch Alkohol - ich glaube nicht daran.“ Es gibt Situationen, in denen der Alkohol in ganz kleinen Mengen dem Schriftsteller zu helfen vermag. Er kann seine Hemmungen, seine Skrupel und Bedenken nicht beseitigen oder betäuben, aber reduzieren oder einschränken.

Ihre Fragen schicken Sie an Sonntagsfrage@faz.de oder Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, Stichwort „Sonntagsfrage“, Mittelstraße 2-4, 10117 Berlin.



Text: F.A.S.
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa

 
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