Fragen Sie Reich-Ranicki

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Über Weinzierls Hofmannsthal-Biographie

20. November 2005 Was halten Sie von der kürzlich erschienenen Hofmannsthal-Biographie von Ulrich Weinzierl, die Ihnen gewidmet ist? Wird sie dem großen Dichter, seiner Persönlichkeit und seinem Werk gerecht?
Mag. Christa Fürnkranz, Wien

Reich-Ranicki: Ich habe Ulrich Weinzierl 1978 kennengelernt. Der damals berühmte Feuilletonist und Theaterkritiker Hans Weigel, der von ihm viel hielt, fragte mich, ob ich ihn, den Vierundzwanzigjährigen, der gerade sein Studium mit einer vorzüglichen Dissertation über Alfred Polgar abgeschlossen hatte, als Mitarbeiter der F.A.Z. beschäftigen könnte. Das habe ich getan und nie bedauert.

Ich wurde sein Mentor, doch dauerte es nicht lange und er brauchte keinen Mentor mehr. Wir sind seitdem befreundet, seine Ratschläge in verschiedenen literarischen Angelegenheiten, zumal im Bereich der österreichischen Literatur, schätze ich, nach wie vor, sehr. Ich glaube, daß er einer der besten Kenner dieser Literatur ist. Das alles vorweg, um Mißverständnissen oder gar Verdächtigungen vorzubeugen.

Weinzierls „Hofmannsthal“ ist ein Glanzstück der Literaturwissenschaft, gleichwohl bin ich mit diesem Buch nicht ganz glücklich. Wird es dem großen Dichter, seiner Persönlichkeit und seinem Werk wirklich gerecht? Ich zögere nicht zu sagen: Nein. Nur habe ich noch nie ein Buch über einen bedeutenden Dichter gelesen, dem man derartiges nachrühmen könnte. Überdies handelt es sich hier eben nicht, wie in der Frage fälschlich gesagt wird, um eine Biographie, sondern, wie der Untertitel (zum Haupttitel „Hofmannsthal“) belehrt, bloß um „Skizzen zu einem Bild“. Darauf legt der Autor offenbar besonderen Wert.

Was vor allem verblüfft, ist der Reichtum an Material, das hier ausgebreitet wird. Weinzierl hat sich jahrelang die Mühe gemacht, alle in Betracht kommenden Quellen, auch die schwer zugänglichen, zu prüfen und auszuwerten. Was er gefunden und hier publiziert hat, zumal viele bisher ungedruckte Briefe und andere Aufzeichnungen von Hofmannsthal, beweist, wie dürftig wir bisher über ihn informiert waren.

Weinzierls Gründlichkeit ist so makellos wie seine Zuverlässigkeit. Zu dem Text des Buches (rund 230 Seiten) gibt es einen Anhang von 90 Seiten und nicht weniger als 947 Fußnoten. Jede Behauptung, jede Vermutung, jede These wird sofort mit Zitaten überzeugend nachgewiesen. Man sollte sich hüten, eine solche Leistung zu unterschätzen. Andererseits aber empfinden manche Leser gerade diesen Vorzug bisweilen als lästig. Weinzierl kommentiert alles geistreich und anmutig, nicht selten ironisch, häufig allerdings zu knapp. Acht oder sogar zehn Zitate, die einen bestimmten Gedanken belegen (die Hälfte hätte auch gereicht), werden mit nur wenigen Sätzen lapidar erläutert. Vielleicht ist es Weinzierls Bescheidenheit, die dieses Mißverhältnis verursacht hat. Freilich: Worüber sich manche Leser ein wenig beklagen, dafür werden die Germanisten dankbar sein.

Sicher ist: Die Skizzen zu Hofmannsthals Bild erweisen sich als eine enorme Fundgrube. Wir erfahren so viel über ihn und sein Werk, was wir bisher nicht wußten, daß schließlich ein tatsächlich neues Porträt des Dichters entsteht. Wer immer sich in Zukunft mit dem großen österreichischen Poeten beschäftigen wird, wird von Weinzierls Buch profitieren können, ja müssen.

Bitte schicken Sie Ihre Fragen an die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, Mittelstraße 2-4, 10117 Berlin. Oder per Mail an Sonntagsfrage@faz.de.



Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 20.11.2005, Nr. 46 / Seite 28
Bildmaterial: CINETEXT

 
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