15. Februar 2008 Sind Sie gespannt auf die Texte beim diesjährigen Bachmannpreis? Donald Kulys, Leipzig
Reich-Ranicki: Nein.
Wie beurteilen Sie heute die Dramen Franz Grillparzers, die während meiner Gymnasialzeit (in den Fünfzigern) zur Pflichtlektüre gehörten? Werden diese Dramen noch heutzutage aufgeführt? Gertraude Schön, Gelnhausen
Innerhalb eines halben Jahrhunderts ändert sich das Repertoire. Für die Schüler meiner Generation - in Berlin in den dreißiger Jahren - war Grillparzer keineswegs Pflichtlektüre. Die Zeit wurde für Goethe, Schiller, Hölderlin, Lessing, Kleist gebraucht und auch für Hebbel, der nicht unbedingt nötig war. Die Österreicher, also Raimund, Nestroy, Stifter und eben Grillparzer, wurden in der Regel einfach ignoriert. So waren damals die preußischen Sitten.
Hingegen haben wir uns mit dem Schlesier Gerhart Hauptmann beschäftigt, womit gar nicht gesagt sein soll, dass Hauptmann etwa bedeutender sei als Grillparzer. Aber er war und ist immer noch der weitaus wichtigste Repräsentant der deutschen Literatur jener Epoche, des Naturalismus.
Unvergesslich ist mir eine Grillparzer-Bühnenaufführung: Des Meeres und der Liebe Wellen, damals betitelt Hero und Leander. Das war ein herrlicher Abend, doch vielleicht nur deshalb, weil die Hero von der mittlerweile fast vergessenen Jahrhundertschauspielerin Paula Wessely gegeben wurde.
Aber in der Frage aus Gelnhausen findet sich das schlichte Wort heute. Ja, eben. Ich weiß es nicht, wie diese einst so erfolgreiche Liebestragödie heute wirkte. Ich müsste sie noch einmal lesen. Und das werde ich bestimmt nicht mehr tun. Warum? Schlagen Sie im Brockhaus nach, wie alt ich bin.
Welche Autoren, welche Bücher haben die Gesellschaft und die Zeit von Bismarck Ihrer Meinung nach am besten eingefangen? Leo Thaiparpan, Zürich
Ich glaube, hier muss man vor allem Frau Jenny Treibel und Effi Briest nennen.
Mich würde interessieren, welche englischsprachige Lyrik Sie mögen? Sandra Weinrich, Thüringen
Mit englischer und amerikanischer Lyrik befasse ich mich überhaupt nicht. Der Grund: Meine Kenntnisse des Englischen sind meiner Ansicht nach ungenügend - jedenfalls für die Lektüre dieser Lyrik.
Nach Dostojewskij, Gogol, Puschkin, Tolstoi und Turgenjew scheint die große Tradition russischer Literatur abgebrochen zu sein. Nachfolger von vergleichbarer Bedeutung gibt es nicht. Oder bedarf es des Ablaufs der Zeit, damit die Verklärung der Vergangenheit den heutigen Protagonisten die Patina verleiht? Dr. Mario Zinnert, Schenefeld
Hier einige Namen der russischen Schriftsteller nach Tolstoi und Tschechow: Maxim Gorki, Ossip Mandelstam, Isaak Babel, Anna Achmatowa, Boris Pasternak, Bulgakow, Bulganin, Zwetajewa . . . Reicht das vorläufig? Darf ich mir jetzt die Beantwortung dieser Frage ersparen?
Nur eine Kleinigkeit soll hier doch noch hinzugefügt werden: Es stimmt schon, dass es Schriftsteller, die mit Dostojewskij und Tolstoi vergleichbar wären, nicht gibt: weder in Russland noch in Deutschland, Frankreich, England, Spanien. Kurz: Es gibt sie nirgends.
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 10.02.2008, Nr. 6 / Seite 28
Bildmaterial: Cinetext/Henschel Theater-Archiv
