Von Marcel Reich-Ranicki
20. Juli 2008 Wie wichtig ist die Biographie eines Schriftstellers für das Verständnis seines Werkes? Wie wichtig ist diese Kenntnis für den Kritiker? Friedrich Hank, Paderborn
Warum lesen die Menschen so gern Tagebücher von Dichtern? Corinna Seifert, Darmstadt
Alle ernsten Schriftsteller, vor allem die Romanciers, profitieren von ihrer Biographie. Wer sich gründlich mit einem Roman beschäftigt, wird die Biographie des Autors nicht aussparen. Die Kenntnis des Umfelds eines Schriftstellers und seines Lebenslaufs ist beinahe immer nützlich, allerdings nicht unbedingt notwendig. Schließlich muss jeder Leser selber entscheiden, womit er seine Lektüre ergänzt. Auch ein Lexikon ist in vielen Fällen keineswegs überflüssig.
Dass viele Menschen gern die Tagebücher eines Dichters lesen, hat einen einfachen Grund: Sie bieten über den Autor und seine Welt sehr viel, was sich in seinen Romanen oder Erzählungen eben nicht finden lässt. Viele Leser können sich von den Tagebüchern Thomas Manns nicht losreißen. Thomas Mann habe auch sehr viel Belangloses notiert? Das stimmt schon. Aber viele seiner Leser - auch ich - nehmen das in Kauf und sind ihm für seine Tagebücher sehr dankbar.
Haben Sie den Pianisten Wladyslaw Szpilman persönlich gekannt? Hat die Verbindung zur Kunst bei ihm einen speziellen Überlebenswillen geschaffen? Mir scheint manchmal, Sie stellen in der Kunst die Literatur höher als die Musik. Aristides Wellis, Herrliberg, Schweiz
Ja, ich habe Szpilman, den der außerordentliche Film von Polanski in Deutschland bekanntgemacht hat, persönlich oft gesehen - im Warschauer Getto oder später in der Nachkriegszeit, auch in Warschau. Wir haben lange Gespräche geführt, vor allem über Musik. Seine Konzerte sind mir unvergesslich. Dass es die Musik war, die seinen Überlebenswillen gesteigert hat, ist sicher richtig.
Dass ich in der Kunst die Literatur höher stelle als die Musik, trifft nicht zu, das ist meiner Ansicht nach überhaupt nicht möglich. Ich liebe die Musik seit meiner Jugend, aber die Literatur wurde mein Beruf. Das war - davon bin ich überzeugt - die richtige Entscheidung. Denn letztlich ist mein Sinn für die Literatur viel stärker entwickelt als mein Sinn für die Musik.
Noch kurz vor seinem Tod (in Warschau im Jahre 2000) habe ich mit telefonisch gesprochen. Es war eine ausführliche, eine unheimliche Unterhaltung zweier alter Männer über die Konzerte im Warschauer Getto. Szpilman hatte nichts vergessen.
Ein Buchkritiker liest die völlig entgegengesetzte Meinung eines Kritikerkollegen über dasselbe Buch. Wird er dadurch in seiner Einschätzung verunsichert? Hellmuth Schüller, Hamburg
Das ist individuell und hängt vor allem davon ab, wie sicher der Kritiker seines Urteils ist. Es ist möglich, dass er in einer solchen Situation sein Urteil mildert oder aber aus Trotz noch verschärft. Kritiker von Format lassen sich in der Regel nicht beirren. Aber das Problem gibt es, auch und nicht selten in der Musikkritik.
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Text: F.A.S.
Bildmaterial: obs