Fragen Sie Reich-Ranicki

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Die Aktualität Benns, der Einfluß Steins und die Gabe des Schreibens

Im Jahre 2006 wird der 120. Geburtstag Gottfried Benns gefeiert und seines 50. Todestages gedacht werden. Ist das ein Anlaß für eine Renaissance seiner Poesie, oder sollte man mit Benns Werk Schluß machen?

Rainer Hasse, Berlin

Diese Alternative halte ich für falsch. Denn beide in der Frage enthaltenen Möglichkeiten sind im Grunde indiskutabel. Benn ist einer der bedeutendsten deutschen Dichter des zwanzigsten Jahrhunderts, was in den letzten Jahrzehnten niemand angezweifelt hat. Sein Werk zeugt von seinem bürgerlichen Beruf: Er war Arzt.

Die Medizin bestimmte in hohem Maße seine Weltsicht, vor allem in dem hervorragenden Frühwerk. Es wird von Visionen der Krankheit, des Verfalls und der Verwesung beherrscht, in ihm fällt oft die medizinische Terminologie auf. Man hielt Benn für einen Zyniker, man warf ihm Nihilismus vor. Doch hinter seinem Gestus verbarg sich, zumal in melodischen, formvollendeten Gedichten, die Sehnsucht nach Liebe.

Warum sollte man, um Gottes willen, mit Benns Werk Schluß machen? Ganz im Gegenteil, wir brauchen diese Poesie nach wie vor, sie hat sich keinesfalls überlebt. Und was soll die Idee mit einer Benn-Renaissance? Die Renaissance eines Dichters kann es nur geben, wenn er in Vergessenheit geraten ist oder zumindest stark unterschätzt wird. Auf Benn trifft dies mit Sicherheit nicht zu, er ist wie kaum ein anderer deutscher Lyriker des zwanzigsten Jahrhunderts im Bewußtsein des lesenden Publikums.

In der soeben im S.-Fischer-Verlag erschienenen Sammlung "Das deutsche Gedicht vom Mittelalter bis zur Gegenwart", herausgegeben von Wulf Segebrecht, finden sich neun Gedichte von Benn, in dem im Insel-Verlag erschienenen Lyrik-Teil des Kanons der deutschen Literatur (sieben Bände) gibt es nicht weniger als 28 Benn-Gedichte. Die "Frankfurter Anthologie", von der mittlerweile 28 Bände veröffentlicht wurden, bietet von Benn nicht weniger als 34 Gedichte mit Interpretationen. Man erspare mir die Aufzählung der Bücher über Benn, die im letzten Jahrzehnt auf den Markt gekommen sind. Kurz und gut: Eine Benn-Renaissance wäre an den Haaren herbeigezogen und ist ganz und gar überflüssig.

Hat das literarische Werk Gertrude Steins Einfluß auf spätere Schriftsteller gehabt?

Anne Bartz, Hamburg

Ich bin nicht sicher, ob das originelle, freilich auch höchst extravagante Werk von Gertrude Stein einen realen, einen nachweisbaren Einfluß auf die jüngere oder auch mittlere Generation der heutigen Schriftsteller ausübt. Avantgardistische Autoren, die sich besonders extremer Mittel bedienen, können bisweilen eine große literarhistorische Rolle spielen, geraten jedoch in der Regel rasch in Vergessenheit.

Ganz sicher aber scheint mir, daß die in den zwanziger und dreißiger Jahren im Pariser Salon der Gertrude Stein verkehrenden Schriftsteller, zumal die jüngeren Amerikaner (Hemingway, Fitzgerald, Dos Passos, Anderson), viel von ihr gelernt haben, was manche, so Hemingway, zuzugeben bereit waren. Das berühmteste Wort der Gertrude Stein ("Ihr seid alle von einer verlorenen Generation") hat Hemingway popularisiert, wenn nicht, vielleicht, erfunden.

Ich weiß, daß Fontane erst in späten Jahren seinen Schreibstil entwickelt hat. Ist die Kunst des Schreibens eine Gabe oder etwas, das man erlernen kann?

Eduard Buzila, Butzbach

Fontane hat erst spät Romane geschrieben, doch schon seine früheren Bücher sind in vorzüglichem Deutsch verfaßt. Natürlich kann man das ordentliche Schreiben erlernen, doch für die literarische, die künstlerische Prosa muß man schon begabt sein.

Ihre Fragen schicken Sie an Sonntagsfrage@faz.de oder Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, Stichwort „Sonntagsfrage“, Mittelstraße 2-4, 10117 Berlin.



Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 30.10.2005, Nr. 43 / Seite 31
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa

 
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