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Sprachlos bei Shakespeare

Shakespeares “Romeo und Julia“

Shakespeares "Romeo und Julia"

20. März 2006 Gibt es ein Stück von Shakespeare, das Sie heute als Kritiker „verrissen“ hätten? Welches Werk von Shakespeare hat bis heute bei Ihnen Spuren hinterlassen?
Sandra Weinrich

Marcel Reich-Ranicki: Die erste Frage verstehe ich nicht. Die Stücke von Shakespeare, ob mehr oder weniger bedeutend, sind vor Jahrhunderten, also in einer ganz anderen Welt entstanden, und sie wurden für ein ganz anderes Publikum verfaßt. Wer heute über diese Werke schreibt, muß das stets berücksichtigen. Er wird sich dann hüten, diese Werke, ob sie nun mehr oder weniger gelungen sind, zu „verreißen“.

Mich jedenfalls haben Shakespeares Dramen schon in meiner frühen Jugend außerordentlich beeindruckt. Jene, die mich damals beeindruckt haben, liebe und bewundere ich noch heute - so vor allem „Hamlet“, „Romeo und Julia“, „Julius Cäsar“ und „Richard III.“. Und noch in den schwächsten seiner Stücke sind mir Szenen und Figuren aufgefallen, die von seiner Genialität zeugen.

Ich war dreizehn oder vierzehn Jahre alt und lebte in Berlin, als ich von einer Tante, die von meinem Theaterenthusiasmus wußte, plötzlich angerufen wurde: Ob ich ins Theater gehen wolle, gespielt wurde die Tragödie „Romeo und Julia“. Zu den Shakespeare-Dramen, die ich schon kannte, gehörte diese Tragödie nicht. Da ich aber von der Freikarte erst im letzten Augenblick erfuhr, konnte ich das Stück nicht mehr lesen oder mich wenigstens in einem Schauspielführer informieren. Vielleicht hing es auch mit dieser Ahnungslosigkeit zusammen, daß mich „Romeo und Julia“ fast aus der Fassung brachte, fast bis zur Sprachlosigkeit, daß mich dieses Stück so tief getroffen hat wie später nur noch eine einzige Shakespeare-Tragödie „Hamlet“. Mit der Qualität der Aufführung konnte dies wohl kaum zu tun haben. Die Inszenierung war, wenn ich mich recht entsinne, eher ordentlich als hervorragend. Den Romeo gab Wolfgang Liebeneiner, der in den nächsten Jahren als Regisseur und als Filmschauspieler sehr erfolgreich werden sollte. Warum also hat mich dieser Theaterabend so aufgewühlt?

Ich hatte schon viele Romane und Erzählungen, Gedichte und Dramen gelesen, in deren Mittelpunkt die Liebe stand. Doch waren sie für mich, der ich noch nicht die geringsten erotischen Erfahrungen gemacht hatte, etwas Abstraktes geblieben. Erst an diesem Abend begriff ich, was Liebe ist. Weil das Theater sinnlicher und anschaulicher ist als die Texte selbst der schönsten Novellen oder Balladen? Nicht nur. Ich spürte, was „Romeo und Julia“ von den anderen literarischen Werken unterschied: Es war, zunächst einmal, Shakespeares unheimliche Radikalität, die Unbedingtheit, mit der er dieses Thema behandelte.

Zum ersten Mal habe ich verstanden oder vielleicht nur geahnt, daß die Liebe eine Sucht ist, die keine Grenzen kennt, die das Außersichsein der von ihr Beglückten und Heimgesuchten zu einer Raserei führt, die der ganzen Welt Trotz bietet oder zu bieten versucht. Ich habe gespürt, daß die Liebe ein Segen ist und ein Fluch, eine Gnade und ein Verhängnis. Wie von einem Blitz wurde ich von der Entdeckung getroffen, daß Liebe und Tod zueinander gehören, daß wir lieben, weil wir sterben müssen.

Damals, 1933 oder 1934, hätte ich die Ursache dieser überwältigenden Wirkung, die Shakespeares „Romeo und Julia“ auf mich ausgeübt hat, natürlich nicht zu erklären vermocht. Ich konnte nicht wissen, daß ich nur wenige Jahre später die bedrohliche Nähe, die grausame Nachbarschaft von Liebe und Tod selber erleben würde. Daß mir ein Erlebnis bevorstand, so herrlich wie schrecklich: zu lieben, ohne auch nur für einen Augenblick die höchste Todesgefahr vergessen zu können, und also liebend die Nähe des Todes zu ertragen. Was bleibt von Kunst? Robert Musil hat diese Frage gestellt und gleich lapidar beantwortet: „Wir als Geänderte bleiben.“ Ich zögere nicht zu sagen: „Romeo und Julia“ hat mich geändert.

Ihre Fragen schicken Sie an Sonntagsfrage@faz.de oder Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, Stichwort „Sonntagsfrage“, Mittelstraße 2-4, 10117 Berlin.



Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 19.03.2006, Nr. 11 / Seite 29
Bildmaterial: Cinetext/Henschel Theater-Archiv

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