14. April 2009
Was machte den ungeheuren Erfolg der Bücher Emil Ludwigs aus, und warum liest sie heute kein Mensch? Thomas Zaschke, Roßdorf
Reich-Ranicki: Emil Ludwig, der aus Breslau stammte und kurz nach dem Zweiten Weltkrieg in der Schweiz gestorben ist, gehörte zu den erfolgreichsten deutschen Schriftstellern und Journalisten in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts. Besonders viele Leser griffen zu seinen populär geschriebenen Büchern über Goethe, Wilhelm II. und Bismarck. War nicht ein Buch über Napoleon auch dabei? Oder über Mussolini?
Ich habe in meiner Gymnasialzeit seine Goethe-Monographie gelesen. Ich fand sie ziemlich oberflächlich und letztlich nicht sehr ernst. Später kehrte ich zu Ludwig nicht mehr zurück.
Und heute? Nein, niemand kann von mir verlangen, dass ich die mir verbliebene Zeit noch einmal dieser Prosa widme. Vielleicht ist damit angedeutet, warum er jetzt kaum noch gelesen wird. Ich muss es wieder einmal sagen: Bücher haben ihre Zeit, und die ist mal vorbei. Und man soll sich damit abfinden.
Was halten Sie von dem Werk E. T. A. Hoffmanns? Joseph Hoffmanns, Frankfurt/Main
Ich lese, schätze und bewundere E. T. A. Hoffmann seit meiner frühen Jugend. Vor allem liebe ich seine Novellen, die zu den besten in deutscher Sprache gehören. Ihm ist es rasch gelungen, was man nur wenigen deutschen Erzählern nachrühmen kann: im Ausland anerkannt und erfolgreich zu werden, vor allem in Frankreich und in Russland.
In seinen Romanen, Novellen und Märchen vermochte Hoffmann zu vereinen (was alle in Erstaunen versetzte): das Wirkliche mit dem Überwirklichen, die Romantik mit dem Realismus (den es zu seiner Zeit eigentlich noch nicht gab), die kühnste Phantasie mit der treuesten Detailbeschreibung - und alles auf der Ebene der Virtuosität.
Hoffmann gelingt es, das Abgründig-Dämonische darzustellen. Darin besteht das Moderne seiner Epik. Sein Werk ist nach wie vor von höchster Aktualität. Denn zu seinen zentralen Motiven gehört die Angst.
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Text: F.A.S.
Bildmaterial: Cinetext/Richter