Fragen Sie Reich-Ranicki

Fragen Sie Reich-Ranicki

Dennoch einer der großen europäischen Bühnenautoren

Im vergangenen Jahr wurden in London zwei Dramen von Schiller aufgeführt: „Don Carlos“ und „Maria Stuart“. Ich habe bei Schiller keinen Humor gefunden. Jenes Lachen und Weinen, das bei Shakespeare vorkommt, gibt es bei ihm nicht. Habe ich recht?
John Grey, Brighton

Marcel Reich-Ranicki: Diese Frage mißfällt mir. Gleichwohl will ich sie beantworten. Doch zunächst möchte ich eine kleine Episode erzählen.

1972 sah ich in Frankfurt die deutsche Erstaufführung des Schauspiels „Lear“ von Edward Bond, einer szenischen Auseinandersetzung mit Shakespeares „König Lear“. Mich hat das Stück enttäuscht. Vor dem Theater traf ich meinen vorzüglichen Kollegen Hellmuth Karasek. „Ihnen hat das gewiß gefallen“ - sagte ich provozierend. Karasek antwortete trotzig: „Jawohl.“ Ich verwies auf die Szene der Blendung Gloucesters. „Dies hat Shakespeare“ - so sagte ich - „besser gemacht.“ Darauf Karasek, wütend: „Shakespeare hat alles besser gemacht.“ Ich verstummte - und habe Karaseks außerordentlichen Satz nie vergessen. Ich schlage vor, ihn in die nächste Ausgabe von Büchmanns „Geflügelten Worten“ aufzunehmen.

Die deutsche Literatur humorlos? Nur ein Klischee

Kurz und gut: Shakespeare ist der größte Bühnenautor aller Völker und Zeiten, sinnlos ist es, ihn gegen diesen oder jenen Dramatiker ausspielen zu wollen. Auch gegen Schiller sollten wir Shakespeare nicht ins Feld führen. Ich finde es höchst erfreulich, daß man in England endlich, nach weit über zwei Jahrhunderten, zwei Schiller-Stücke („Don Carlos“ und „Maria Stuart“) aufgeführt hat. Die Londoner Kritik begrüßte beide Inszenierungen enthusiastisch, der „Guardian“ nannte Schiller den „deutschen Shakespeare“.

Andererseits ist es schon richtig, daß man hierzulande seit weit über hundert Jahren immer wieder entdeckt, daß die deutsche Literatur humorlos sei. Diese Behauptung läßt sich in der Tat nicht so rasch von der Hand weisen. Hatte Schiller Humor? Oder Hölderlin? Wo gibt es so humorlose Schriftsteller - um hier nur Tote zu nennen - wie Anna Seghers oder Ernst Jünger, wie Uwe Johnson oder Ingeborg Bachmann?

Dennoch wage ich zu vermuten, daß, von der englischen abgesehen, kaum eine Literatur der Welt so viel Humor habe wie die deutsche. Und daß also die gegenteilige Behauptung bloß ein Klischee sei, das von Generation zu Generation ungeprüft weitergereicht werde.

Ein Wesenselement? Thomas Mann übertreibt

Die besten deutschen Erzähler - Jean Paul, Theodor Fontane, Thomas Mann - waren auch und vor allem Humoristen. Wo gibt es in der Weltliteratur des zwanzigsten Jahrhunderts einen Erzähler, der, wenn es um den Humor geht, sich mit Thomas Mann messen könnte? Er glaubte sogar, das Humoristische sei „das Wesenselement des Epischen“ - was mir nun doch etwas übertrieben scheint und eher als treffende Charakteristik seines eigenen Werks verstanden werden sollte.

Wo gab es im neunzehnten Jahrhundert einen Lyriker, der mehr Witz und Ironie, mehr Humor gehabt hätte als Heinrich Heine, wo im zwanzigsten Jahrhundert Autoren mit mehr Pfiff und Humor als Karl Kraus und Kurt Tucholsky, als Joachim Ringelnatz und Erich Kästner? Welche Literatur könnte sich solcher Humoristen wie Wilhelm Busch rühmen oder Christian Morgenstern? Sollte ich die Frage beantworten, welche Figur des Welttheaters am meisten mit Humor gesegnet sei, ich zögerte keinen Augenblick: Nicht auf Falstaff oder ein anderes Shakespeare-Geschöpf fiele meine Wahl und auch nicht auf die doch etwas simplen Helden Molieres, sie fiele auf unseren Mephisto.

Und in Schillers Dramen? In der Tat wenig Humor

Die weitaus besten komischen Opern, die ich kenne, stammen, immerhin, aus deutschen Federn: An die „Meistersinger“ denke ich und an den „Rosenkavalier“. Und wie ist es mit den Komödien - haben wir wirklich nur die „Minna von Barnhelm“ und den „Zerbrochenen Krug“? Auch Grabbes „Scherz, Satire, Ironie und tiefere Bedeutung“, auch Hauptmanns „Biberpelz“ sind nicht von Pappe. Und wie wäre es mit dem verschwenderischen Raimund und mit dem Nestroy, der sich einen Jux machen wollte, und wie mit dem schwierigen Hofmannsthal? Apropos Jux und Österreich: Wenn wir von Humor reden, dann sollten wir unbedingt auch an Ernst Jandl erinnern.

Warum werden heutzutage humoristische Romane in deutscher Sprache nur sehr selten geschrieben? Weil wir in schweren Zeiten leben? Als der „Don Quijote“ des Cervantes und Gogols „Tote Seelen“ erschienen, hatten es die Spanier und die Russen mit Sicherheit nicht leicht. Doch waren Cervantes und Gogol Genies - und mit Genies, die ja alle Regeln sprengen, läßt sich kaum etwas beweisen. Dies ändert aber nichts an der Tatsache, daß die europäischen Schriftsteller heutzutage nicht oft humoristische Romane schreiben. Der letzte große humoristische Roman in deutscher Sprache war, wenn ich mich nicht irre, „Der Erwählte“ von Thomas Mann.

Zurück zu der Frage des Lesers aus Brighton. In Schillers Dramen findet sich in der Tat nur wenig Humor - etwa in „Kabale und Liebe“ oder im „Wallenstein“. Das mag bedauerlich sein, aber dennoch ist er einer der großen europäischen Bühnenautoren.

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Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 12.02.2006, Nr. 6 / Seite 26
Bildmaterial: Michael Hauri

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