19. Dezember 2007 Ernst Bloch hat das Unverhoffte Wiedersehen von Johann Peter Hebel als die schönste Geschichte der Weltliteratur bezeichnet. Stimmen Sie dem zu, und was von Hebel empfehlen Sie heutigen Lesern? Egbert Seng, Ludwigsburg
Reich-Ranicki: Johann Peter Hebel, der von 1760 bis 1826 lebte, schrieb kurze Geschichten und Anekdoten, naive und weise, pädagogische und humoristische, idyllische und satirische. Es sind Geschichten, die ausnahmslos alle belehren und zugleich amüsieren. Man kann das natürlich viel knapper formulieren: Er schrieb poetische Geschichten. Da nun unser Leser aus Ludwigsburg offenbar für Hebel einen Superlativ braucht und Ernst Bloch ihn tatsächlich geliefert hat, will ich gern sagen: Hebels Geschichten gehören zu den schönsten in deutscher Sprache.
Ob Bloch, der von 1885 bis 1977 lebte, mit dieser deutlich gemilderten Fassung seines Urteils einverstanden wäre? Ich bin gar nicht sicher. Ich hatte, wenn es um Superlative ging, schon meine Erfahrungen mit ihm. 1967 diskutierte ich mit ihm in Tübingen. Es war eine Aufzeichnung für den Rundfunk. Wir unterhielten uns über allerlei, und es dauerte nicht lange und Bloch kam auf den von ihm bewunderten Karl May zu sprechen. Wie zu erwarten war, bekam man einen Superlativ zu hören: Karl May sei einer der spannendsten und farbigsten Erzähler der deutschen Literatur.
Ich erlaubte mir, höflich und vorsichtig zu protestieren. Vor allem beanstandete ich den doch dürftigen und oberflächlichen Stil des Winnetou-Autors. Bloch antwortete trotzig: Hier sei, meinte er, die Sprache des Erzählers seinem Stoff, seinen Figuren und Motiven vollkommen angemessen. Das schien mir eine etwas zweideutige Äußerung, doch ich hütete mich, noch einmal zu widersprechen.
Unter uns: Ich hatte schon meine trüben Erfahrungen mit eigensinnigen Anhängern des Superlativs. Eine gebildete Freundin, übrigens eine junge Professorin der Hamburger Universität, erklärte mir in einem vertraulichen Gespräch, Tschechows Dame mit dem Hündchen sei die beste Geschichte der Weltliteratur. Widerspruch wurde nicht geduldet.
Ich war an einem Streit mit meiner (sehr charmanten) Freundin gerade in diesem Augenblick nicht eben interessiert, andererseits wollte ich nicht gleich kapitulieren. Ich sagte leise: Eine der besten Geschichten . . . Sie explodierte beinahe wie dereinst jener schöne Berg bei Pompeji und Herculaneum. Ich gab sofort nach.
Doch zurück zu Hebel. In meinem im Insel-Verlag erschienenen Kanon der deutschen Literatur gibt es von Franz Kafka sieben Erzählungen, von Thomas Mann acht und von Hebel nicht weniger als neun. Zu ihnen gehört auch das Unverhoffte Wiedersehen. Nun sollte man aber nicht annehmen, dass ich Hebel mehr schätze als Kafka oder Thomas Mann. Nur konnte ich, um Hebels Format als Erzähler zu zeigen, auf ganz kurze Geschichten zurückgreifen, was bei den anderen beiden ein schiefes Bild ergeben würde - und das wäre ungerecht.
Und Bloch? Vermutlich werden die Leser unserer Rubrik jetzt erwarten, dass ich etwas über Bloch sage. Doch ist hier kein Platz mehr, ich will mich daher mit nur einem Satz begnügen, aber ein einziger guter Satz bereitet bisweilen mehr Mühe als eine ausführliche Begründung. Also: Bloch war wie nur wenige der bedeutenderen deutschen Denker beides in einem: ein Philosoph, dessen Werke sich durch hohe literarische Qualität auszeichnen, und ein Erzähler, dessen Gleichnisse und Geschichten Beiträge zu seiner Philosophie sind.
Kurz und gut: Ich habe den ungewöhnlich hohen Rang, den der alte Bloch der Hebel-Geschichte bescheinigte, nicht angezweifelt, mir jedoch im Stillen gedacht - auch bei Kleist, bei Thomas Mann oder Kafka kann man so herrliche Geschichten finden. Ich rate: Man sollte mit Superlativen sparsamer umgehen.
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 16.12.2007, Nr. 50 / Seite 28
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