Wie beurteilen Sie Friedrich Torberg, zumal seinen Roman Der Schüler Gerber?
Dr. Hans Michael, Donndorf
Friedrich Torberg, der 1908 in Wien geboren wurde und 1979 in Wien gestorben ist, hat ein halbes Jahrhundert als Einzelgänger demonstriert, was ihm oft verübelt wurde: Unabhängigkeit. Er war immer ein engagierter Schriftsteller, der allen Ideologien mißtraute, einer, der mit Leidenschaft und Humor für Gerechtigkeit und Meinungsfreiheit kämpfte.
In seiner großen Zeit war er eine Wiener Institution, ein österreichisches Wunder und ein deutsches Ärgernis. Denn ihm gelang es, Unvereinbares zu vereinen: Er war ein Querkopf mit Esprit, ein gutmütiger Eiferer, ein witziger Fanatiker, ein Humorist mit missionarischen Tönen.
Befragt, was er denn eigentlich sei, pflegte Torberg zu antworten: ein europäischer, ein deutscher, ein österreichischer, ein jüdischer Schriftsteller. Deutsch war die Sprache, die er vorzüglich handhabte, österreichisch die literarische Tradition, an die er immer wieder anknüpfte, jüdisch das ethische Fundament, dem er sich verpflichtet fühlte. Und europäisch? Nun ja, auf Europa berufen sich gern jene Heimatlosen, deren einzige wirkliche Heimat der Geist ist, die Literatur. Seine literarische Laufbahn begann früh und stand unter einem glücklichen Stern: Max Brod war sein Mentor und Förderer. Er schickte ein Romanmanuskript des einundzwanzigjährigen Torberg dem Zsolnay-Verlag, wo das Buch 1930 unter dem Titel Der Schüler Gerber hat absolviert erschien. Eine ganze Generation hat in diesem Roman ihre Erlebnisse wiedererkannt. Es wurde ein Welterfolg, ein vergleichbarer war Torberg nie wieder vergönnt.
Der Schüler Gerber ist ein typischer Erstling jener Zeit: stark autobiographisch, sentimental und keß, pathetisch und kühl zugleich. Torberg schilderte mit Wut und Verve das tragisch endende Schicksal eines jungen, frühreifen Menschen, der, von sadistischen Lehrern schikaniert, schließlich an sich selber verzweifelt. Die Auseinandersetzung mit dem Gymnasium geht in ein suggestives Gleichnis über: Hier wird mehr als die Schule kritisiert, nämlich die Gesellschaft, die Welt der Erwachsenen.
In seinen späteren Romanen und Novellen, in denen er sich als traditioneller Erzähler erwies, blieb Torberg ohne Erfolg. Eine Wiener Institution war er doch nicht als Epiker, sondern vor allem als Publizist. Groß war seine Leistung als Herausgeber der von ihm gegründeten Zeitschrift Forum, die er von 1954 bis 1965 mit Temperament und Umsicht redigierte.
Aus dieser Zeit stammen auch die meisten jener kleinen journalistischen Arbeiten, die Torberg berühmt und berüchtigt gemacht haben - vor allem Pamphlete, Parodien und Postskripta sowie die Theaterkritiken.
Am Ende seines Lebens konnte er noch einmal einen großen Erfolg verbuchen: Zwei Sammlungen der von ihm überlieferten und nacherzählten Anekdoten, Witze und Schnurren (Tante Jolesch und die Erben der Tante Jolesch) landeten auf den Bestsellerlisten.
Aber machen wir uns nichts vor: Torbergs Werk ist heute vergessen, auch in Österreich ist es wohl nicht mehr im Bewußtsein der Leserschaft. Das gilt für den Schüler Gerber ebenfalls. Das Buch ist längst verblaßt. Und man braucht sich nicht zu wundern. Einen Zeitabschnitt von 75 Jahren können nur geniale oder doch außergewöhnliche Romane überleben.
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Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 06.11.2005, Nr. 44 / Seite 30
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