
Es liegt nicht am Regietheater, es liegt am Regietheatermacher. Szene aus Frank Castorfs "Meistersinger"-Inszenierung
03. August 2009 Was lässt sich gegen die Auswüchse des Regietheaters tun? Sollte man Peter Altenberg vergessen und sich dafür stärker an Hans Fallada erinnern? Und was sollte unsere Jugend lesen? Antworten von Marcel Reich-Ranicki.
Einer Ihrer Vorgänger bei der F.A.Z. war Friedrich Sieburg. Haben Sie ihn persönlich noch erlebt? Hat er Ihnen Ratschläge geben? Dr. Frank Simon, Hamburg
Reich-Ranicki: Ja, ich habe ihn einmal in der Redaktion der F.A.Z. besucht. Es war im Sommer 1958, kurz nachdem ich nach Deutschland zurückgekehrt war. Weder er noch ich haben damals ahnen können, dass ich 1973 sein Nachfolger sein würde.
In diesem Frühjahr sind Werke des Wiener Autors Peter Altenberg neu veröffentlicht worden. Wie schätzen Sie den Rang dieses österreichischen Schriftstellers der Jahrhundertwende ein? Dr. Bettina Hinterthür, Köln
In meiner Jugend habe ich einiges von Altenberg gelesen. Ich fand schon damals seine Prosastücke albern und verstaubt. Von einem Kollegen, der jetzt die Neuausgabe rezensieren musste, hörte ich, dass sie jetzt geradezu unlesbar seien.
Welche Werke können Sie der Jugend empfehlen? Wäre ein Kanon der Literatur für die Jugend sinnvoll und notwendig? Werner Zehentmaier, Nürnberg
Ich kenne die heutige Jugend und ihre literarischen Vorstellungen und Wünsche nicht. Ein Kanon für die Jugend? Das ist nun wirklich nicht meine Sache.
Fand Goethe denn keine Beziehung zu Ludwig Börne? Manfred Mickelthwate, Schöllkrippen
Goethe fand in der Regel keine Beziehung zu lebenden Autoren, die es unterlassen haben, ihn zu loben und zu rühmen - also auch zu Börne.
Warum wird der großartige Autor Hans Fallada, dessen Kleiner Mann, was nun? mich amüsiert und beeindruckt hat, kaum mehr irgendwo erwähnt? Karl Graf von Moy
Nehmen Sie es mir nicht übel, wenn ich Sie bitte, solche Gerüchte nicht zu verbreiten. Fallada wird viel erwähnt, gelobt und gerühmt. Und das ist gut so.
Was ist es, das die Literatur mehr als 2000 Jahre am Inzest fasziniert? Armin Dörschel, Bad Soden
Hier meine Antwort: das Menschliche.
Was kann man gegen die Auswüchse des sogenannten Regietheaters tun? Wolfgang Jäger, Dortmund
Es hat keinen Sinn, alle Regisseure zu erdrosseln. Die nächste Generation wächst sehr schnell nach. Sinnvoller scheint es mir, sich bewusstzumachen, dass die besten Regisseure des zwanzigsten Jahrhunderts allesamt Regietheater gemacht haben: also Max Reinhardt, Leopold Jessner, Jürgen Fehling, Gustaf Gründgens, Peter Zadek. Aber sie haben sich bemüht, gutes Regietheater zu machen. Darauf kommt es an.
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Text: F.A.S.
Bildmaterial: Cinetext/CP