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Welchen „Mehrwert“ hat moderne Literatur?

23. Mai 2007 

Erklären Sie uns bitte die kritische Situation der Liebe in der zeitgenössischen Literatur.
Petra Roland

Thomas Mann

Thomas Mann

Marcel Reich-Ranicki: Die Literatur - wozu brauchen wir sie überhaupt? Uralt ist diese Frage, beinahe so alt wie die Literatur selbst. Aber es kann nicht schaden, sie von Zeit zu Zeit zu stellen.

Es ist nicht gerade eine Entdeckung, dass die Literatur schon ziemlich lange einen schwierigen Verteidigungskrieg führen muss. Und es sind nicht nur allerlei teuflische, doch keineswegs überflüssige technische Erfindungen, die ihre Existenz fortwährend bedrohen.

Man wird sagen: Was uns die vielen Fernsehprogramme offerieren, das mag die Literatur verdrängen, aber ersetzen kann es sie nicht. Dann allerdings müssen wir genau wissen, was wir von ihr erwarten, welche Funktion sie ausüben soll. Wozu also Literatur? An Äußerungen hierüber fehlt es nicht, wir kennen klassische Antworten von großer Schlichtheit, etwa: um Freude und Vergnügen zu bereiten, um das Publikum zu amüsieren.

Nur fällt es auf, dass eine Lanze für die Unterhaltung und das Vergnügen in der Regel von solchen Autoren gebrochen wird, die über den Verdacht erhaben sind, bloß Unterhaltung zu liefern - von Thomas Mann etwa oder Bertolt Brecht, ja sogar von Goethe. Auch T. S. Eliot meinte, die wichtigste Aufgabe der Dichtung sei es, Freude zu spenden. Er fügte aber gleich hinzu, dass der Dichter, wenn wir ihm Vergnügen der höchsten Art verdanken sollen, nicht nur dieses, sondern unbedingt mehr im Sinn haben müsse.

Um was für einen, wenn ich so sagen darf, Mehrwert kann es sich hier handeln? Um Belehrung, um Aufklärung, um Erbauung? Gewiss wurde die Literatur im Laufe der Jahrhunderte häufig zur Magd der Philosophie, der Religion, der Politik oder der Geschichtsschreibung degradiert - das hat meist eine unglückselige Verbindung ergeben, aber gelegentlich dennoch zu Meisterwerken geführt.

Heute ist niemand darauf angewiesen, die Literatur zur Vermittlung von Ideen, Programmen oder Informationen zu missbrauchen. Diese lassen sich jetzt auf andere Weise sowohl schneller als auch erheblich wirkungsvoller unter die Leute bringen. Mit Hilfe des Fernsehens und des Rundfunks? Nicht nur, auch mit dem Sachbuch, mit populärwissenschaftlichen Veröffentlichungen, mit der Publizistik im weitesten Sinne.

Wozu sollte man, da es direkte Wege gibt, die praktisch und ohne Umstände zum Ziel führen, den Umweg über die Kunst suchen, gar über die moderne Kunst, die in sehr vielen Fällen nur einer intellektuellen Minderheit zugänglich ist - was nicht ihre Bedeutung schmälert, wohl aber ihre Nützlichkeit und Verwendbarkeit als Ideenträger oder Informationsmittel. In dieser Hinsicht ist die Literatur nicht mehr konkurrenzfähig. Zur Hoffnung, es ließe sich mit ihr die Welt verändern, gehört in unserer Zeit eine tüchtige Portion Blauäugigkeit - oder Heuchelei.

Zu fragen wäre somit, welcher „Mehrwert“ sich denn noch anstreben lässt, wenn Belehrung und Aufklärung, Agitation und Information kaum in Betracht kommen, ja in literarischen Kunstwerken zu anachronistischen Elementen geworden sind. Die Literatur versucht zu entdecken und zu formulieren, was wir gespürt oder geahnt haben, aber eben bloß gespürt oder vielleicht bloß geahnt.

Nur dann beweist sie ihre Daseinsberechtigung, wenn sie imstande ist, den Lesern bewusst zu machen, was ihnen bisher nicht bewusst war und was sich - das ist das Entscheidende - mit anderen Mitteln nicht bewusst machen lässt. Daher schlägt die Stunde der Literatur stets, wenn es um Phänomene geht, die sich der wissenschaftlichen Erkundung wenigstens teilweise entziehen und die von vielen Menschen als unberechenbar und unbegreiflich, ja als geheimnisvoll empfunden werden. Ein solches Phänomen ist die Liebe.

Wenn Thomas Mann gefeiert wird, ist so gut wie nie von seinem Roman Lotte in Weimar die Rede. Ist das nicht ungerecht? Dietrich Gralla, Paderborn

Marcel Reich-Ranicki: Das ist verständlich, wenn auch nicht ganz richtig. Wenn Thomas Mann, wie Sie schreiben, „gefeiert“ wird, dann beruft man sich in der Regel auf seine großen Romane, also auf die „Buddenbrooks“, den „Zauberberg“, den „Joseph“-Roman, den „Faustus“. Die „Lotte in Weimar“ liebe ich ganz besonders, gleichwohl scheint es mir falsch, diesen Roman auf derselben Ebene wie seine vier zentralen Bücher zu betrachten.

Überdies ist es nicht unverständlich, wenn viele Autoren, das Thomas-Mann-Gesamtwerk analysierend, der „Lotte“ ausweichen. Denn sie fürchten, dass sie die Biographie Goethes nicht so genau im Kopf haben, wie es nötig ist, um Thomas Mann auf die Schliche zu kommen. Aber wer Romane liest, um Spaß zu haben, der sollte nicht zögern und unbedingt zur „Lotte“ greifen. Ich habe es mehrmals getan und nie bedauert.

Ihre Fragen schicken Sie an Sonntagsfrage@faz.de oder Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, Stichwort „Sonntagsfrage“, Mittelstraße 2-4, 10117 Berlin.



Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 20.05.2007, Nr. 20 / Seite 36
Bildmaterial: ASSOCIATED PRESS

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