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Was taugt Enzensbergers Lyrik?

Hans Magnus Enzensberger

Hans Magnus Enzensberger

Halten Sie Hans Magnus Enzensberger für einen guten Lyriker? Oder doch eher für einen Essayisten, der sich mitunter ins Gedicht verläuft? Waltraud Esser, Bremen

Reich-Ranicki: Die 23. Tagung der Gruppe 47 fand im Oktober 1961 im Jagdschloss Göhrde in der Lüneburger Heide statt. Die vorangegangenen Tagungen dieser Gruppe, der wichtigsten und originellsten deutschen Schriftstellervereinigung nach 1945, hatten ein starkes Echo. Der letzte Preisträger war 1958 der junge, bisher ganz unbekannte und inzwischen beinahe weltberühmte Günter Grass.

In der Göhrde werde man, wurde gemunkelt, wiederum Sensationelles zu hören bekommen. Was konnte das ein? Eigentlich nur irgendeine ganz aus dem Rahmen fallende Lesung. Ein bekannter Autor, hieß es, sollte ein Bühnenwerk vortragen, eine Komödie. Die werde – wie die meisten deutschen Komödien – wahrscheinlich schlecht sein.

Erst an Ort und Stelle erfuhr man, was der Chef der Gruppe, der glänzende Organisator Hans Werner Richter, geplant hatte: Der junge Hans Magnus Enzensberger, der in den letzten Jahren mit zwei Lyrikbänden („Verteidigung der Wölfe“ und „Landessprache“) schnell anerkannt worden war und der dann die deutsche Öffentlichkeit mit einem Essayband („Einzelheiten“) geradezu verblüffte, jedenfalls beeindruckte, wollte sich vor den strengen Juroren der Gruppe 47 als Dramatiker bewähren.

Es begann sehr merkwürdig: Alle wurden in eine Scheune kommandiert, Enzensberger auf eine kleine Anhöhe gesetzt. Die Zuhörer durften es sich auf dem Heu bequem machen. Nach einer stimmungsvollen Pause ging es los: Enzensberger las langsam und pointiert. Es war sehr still, um nicht zu sagen: andächtig. Jedenfalls war es ziemlich feierlich.

Hans Werner Richter beobachtete das Auditorium etwas misstrauisch, zumal den inzwischen verstorbenen Franz Joseph Schneider, der auf einer mitgebrachten Luftmatratze lag. Dieser Schneider war zwar ein schwacher Autor, wurde aber aus zwei Gründen besonders geschätzt: Erstens hatte er Humor, und, zweitens, vermochte er von Zeit zu Zeit in einer Frankfurter (ich glaube amerikanischen) Werbefirma, in der er arbeitete, etwas Geld für die Gruppe 47 zu organisieren. Richter wusste, dass dieser Schneider oft zu Schabernack aufgelegt war, was, unter uns, den Tagungen der Gruppe nicht schadete.

Plötzlich überraschte uns, schon während der Lesung, ein lauter Knall. Franz Joseph Schneider hatte aus seiner Matratze die Luft rausgelassen. Denn die Andacht schien ihm doch nicht angemessen. Richter, dem dieser Vorfall nicht unwillkommen war, gab gleichwohl ein herrisches Zeichen, man solle doch wieder ernsthaft sein. Enzensberger nickte dankbar und las weiter.

Alle befürchteten oder erhofften einen Skandal. Richter beobachtete Schneider. Plötzlich brach Enzensberger die Lesung ab, ich glaube, mitten im Satz. Er sagte ganz ruhig: „Das hat keinen Zweck. Ich lese schon über eine halbe Stunde. Das soll eine Komödie sein. Aber noch niemand hat gelacht. Machen wir Schluss damit.“ Es war wieder ganz still, es war eine Stille des Respekts.

Richter fragte, wer etwas sagen wolle. Es meldete sich Wolfgang Hildesheimer, der mit Enzensberger befreundet war und, wenn ich mich recht entsinne, ruhig erklärte, diese wohl unter Einfluss der „Dreigroschenoper“ entstandene Komödie sei total missraten. Alles ging normal weiter. Die Komödie wurde nie gedruckt oder gar aufgeführt. Den Titel habe ich vergessen.

Seitdem ist viel Zeit verstrichen. Mittlerweile wird Hans Magnus Enzensberger achtzig Jahre alt. Er wird noch manches schreiben, er wird uns noch manch eine Überraschung bereiten. Doch sein Lebenswerk lässt sich jetzt überblicken. Knapp und klar: Ein Dramatiker ist er nicht, ein Romancier ebenfalls nicht.

Doch die Leserin aus Bremen wollte wissen, ob ich ihn für einen guten Lyriker halte. Hier meine Antwort: für einen der vorzüglichsten unter den lebenden Dichtern deutscher Zunge. Und auch als Essayist ist er einer der besten, der intelligentesten. Ob in Versen oder in essayistischer Prosa – er ist ein wunderbarer Stilist mit einem scharfen Blick für die unterschiedlichsten Phänomene des Zeitgeistes. Er gehört zu den wenigen Autoren, die die deutsche Literatur nach 1945 zu prägen imstande waren.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Cinetext/Kaatsch

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