19. September 2006 Sie behaupten ständig, daß Bertolt Brecht überhaupt kein politischer Mensch war - so letztlich im Literarischen Quartett. Wie definieren Sie ein politischer Dichter?
Giuseppe O'Bruadair, Ulm
Marcel Reich-Ranicki: Der Begriff ein politischer Dichter ist nicht schwer zu definieren. Gemeint ist ein Autor, der sich vor allem für Politik interessiert und über Politik schreibt. Aber ich habe nie gesagt, Brecht sei überhaupt kein politischer Mensch gewesen, noch habe ich dies ständig wiederholt. Doch ist mir das entstellte Zitat willkommen, weil ich bei dieser Gelegenheit auf einiges über Brecht hinweisen kann.
Er stelle sich oft ein Tribunal vor - sagte Brecht in einem Gespräch -, dem er die Frage beantworten müßte, ob es ihm eigentlich ernst sei: Ich müßte dann anerkennen: ganz ernst ist es mir nicht. Ich denke ja auch zu viel an Artistisches, an das, was dem Theater zugute kommt, als daß es mir ganz ernst sein könnte.
Diese von Walter Benjamin überlieferte Äußerung ist eine Schlüsselstelle für das Verständnis des Phänomens Brecht. Daß er die Literatur und die Philosophie und alle Künste stets aus der Perspektive des Theaterautors sah, ist bekannt. Aber er hat aus dieser Perspektive das ganze Leben gesehen, auch die Politik. Als ihm 1941 sein Stück Der gute Mensch von Sezuan zu lang geraten schien, notierte er: das stück beweist, daß die neue dramatik eine kürzung der arbeitszeit verlangt . . .
Hier verbirgt sich der entscheidende Unterschied zwischen ihm und vielen seiner Jünger: Die Brechtianer wollen ein Theater, das die kommunistische Gesellschaft ermöglichen soll, Brecht will die kommunistische Gesellschaft, damit sie sein Theater ermöglicht. 1942 meinte er nach einem Gespräch mit der Schauspielerin Elisabeth Bergner, daß sie das publikum nicht als eine versammlung von weltänderern sieht, die einen bericht über die welt entgegennehmen.
Ungleich skeptischer, ungleich klüger als viele seiner Schüler und Nachfolger, war er sich wohl darüber im klaren, daß die Politik das Theater verderben könne, doch niemals das Theater die Politik zu verbessern imstande sei. Die von ihm gelegentlich beschworene versammlung von weltänderern war nichts anderes als eine Fiktion. Natürlich hat er es gewußt. Indes wollte er sich von ihr auf keinen Fall trennen: Was seine Bewunderer oft für bare Münze nahmen und auch nehmen sollten, war für ihn selber ein Hilfsmittel, das er pragmatisch und bisweilen zynisch anwandte, nichts anderes als eine generelle Arbeitshypothese für eine literarische Produktion.
Er glaubte, daß seine Stücke um ihrer künstlerischen Wirkung willen auf pädagogische Ingredienzen angewiesen seien und ohne politische Intentionen nicht auskommen könnten. Nicht der Kampf war seine Sache, sondern das Spiel. Als Lehrer wollte er unbedingt gelten. Aber letztlich war er doch kein Lehrer und kein Volkserzieher. Er war ein leidenschaftlicher Verführer.
Möglichst alle wollte er verführen: Frauen und Männer, Junge und Alte, Künstler und Politiker. Und nirgends schienen ihm die Menschen so verführbar wie im Zuschauerraum des Theaters. In unzähligen Ländern haben Millionen von Menschen Brechts Stücke gesehen. Daß aber einer dadurch seine politische Denkweise geändert oder auch nur einer Prüfung unterzogen hätte, wagte Max Frisch zu bezweifeln. Er zweifelte sogar, daß Brecht an die erzieherische Wirkung seines Theaters tatsächlich geglaubt habe. In den Proben hatte er, Frisch, den Eindruck: Auch der Nachweis, daß sein Theater nichts zur Veränderung der Gesellschaft beitragen könne, hätte Brechts Bedürfnis nach Theater nicht beeinträchtigt.
Kurz und gut: Die Politik spielte schon in Brechts Leben eine wichtige Rolle. Aber ein politischer Mensch oder ein politischer Autor war dieser große Künstler mit Sicherheit nicht.
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Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 17.09.2006, Nr. 37 / Seite 29
Bildmaterial: Cinetext/Henschel Theater-Archiv