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Ein glänzender Bildschirmdramatiker

19. September 2008 

Welches Buch des Schriftstellers Jurek Becker halten Sie für sein bestes? Mögen Sie seine Bücher überhaupt? Vera Lind, München

Jurek Becker

Jurek Becker

Reich-Ranicki: Es war Mitte Dezember 1977. Ich wohnte damals schon in Frankfurt. In meinem Wohnzimmer saßen zwei Männer aus Ost-Berlin, zwei, kann man sagen, ganze Kerle. Sie waren seit vielen Jahren miteinander befreundet: der junge und erfolgreiche Schriftsteller Jurek Becker und Manfred Krug, einer der berühmtesten Schauspieler des Arbeiter- und-Bauern-Staates. Wir sprachen ziemlich lange über ein einziges Thema: über die Zukunft Jurek Beckers.

Irgendwann hatte Krug doch die Geduld verloren. Aber nervös wurde er keineswegs. Er sagte ruhig und nachdenklich einen einzigen Satz: Alle wissen, dass Jurek Becker sich jetzt von der DDR verabschieden und in den Westen gehen wird. Nur er selber, Jurek, weiß es immer noch nicht.

Robin Williams als „Jakob, der Lügner”

Robin Williams als „Jakob, der Lügner”

Wenige Tage später konnte man in den Zeitungen lesen, dass Becker von den Behörden der DDR die Genehmigung für einen längeren Aufenthalt in der Bundesrepublik erhalten habe, wo er sich bereits befinde. Becker, 1937 in Lódz geboren, wuchs in dem von den deutschen Behörden im Herbst 1939 errichteten Getto in seiner Geburtstadt auf und war dann in den Konzentrationslagern von Ravensbrück und Sachsenhausen. Seine Mutter hat er nie gesehen.

Durch Zufall entdeckte er die starke Seite seines Talents

Als er 1945 nach Berlin kam, konnte er noch kein Wort sprechen. So wurde Deutsch seine Muttersprache. In einer intensiven Beschäftigung mit der Sprache sah er das einzige Mittel, dem Spott zu entkommen, der sich daraus ergab, dass er als Achtjähriger noch nicht richtig sprechen konnte. So begann sein Weg zur Literatur. Und so wurde später der polnische Jude Jurek Becker ein deutscher Schriftsteller, ein sehr guter.

Er lebte mit seinem Vater in Ost-Berlin, die Schule und die FDJ, die Universität und die SED machten aus dem Neuankömmling einen bewussten Staatsbürger. Allmählich wurde Becker glücklich. Der Entwurzelte hatte eine Zuflucht, der Heimatlose eine Heimat, der Fremde ein Vaterland gefunden. Mehr noch: Er sah sich in einem großen Kollektiv der Gleichgesinnten und fühlte sich geborgen.

Die beruflichen Erfolge ließen nicht lange auf sich warten: Für seine Kabaretttexte, Fernsehspiele und Filmdrehbücher gab es genug Abnehmer. Denn Becker hatte zu bieten, was in deutschen Landen kostbar ist: Witz und Humor. Durch Zufall entdeckte er die starke Seite seines Talents. Als sich die Realisation eines seiner Drehbücher verzögerte, entschloss er sich kurzerhand, den Stoff zu einem Roman zu verarbeiten. So entstand das Buch „Jakob der Lügner“ (1968). Es ließ sofort erkennen, dass Becker vor allem ein Geschichtenerzähler war.

Im Bereich der leichten Muse

Von der Ermordung der Juden wird hier erzählt, vom Leben und Tod im Getto einer polnischen Kleinstadt in den Jahren des Zweiten Weltkriegs. Wo angesichts seines Stoffes laute Töne und grelle Farben gänzlich versagen und wo Elegisches, statt die Leser aufzurütteln, sie eher ermüdet, da bleibt dem Schriftsteller nichts anderes übrig, als mit besonders leiser Stimme zu sprechen, konsequente Zurückhaltung zu üben und dem Understatement und der Ironie zu vertrauen. Bei einem so düsteren Thema lässt sich mit Düsterkeit am wenigsten ausrichten, eher schon mit hellen und heiteren Kontrasteffekten, mit Witz und Komik.

Jurek Becker erzählt sehr einfach und sehr ruhig. Nur dass seine Geschichte nichts vereinfacht und niemanden beruhigen kann. Sie ist poetisch und mutet bisweilen märchenhaft an. Indes wird hier nichts poetisiert oder verklärt. Dieses Buch kennt weder Hass noch Groll.

Der Roman „Jakob der Lügner“ war im gewissen Sinne Beckers Glück und Unglück. Es wurde in viele Sprachen übersetzt, es machte ihn weltberühmt. Aber alle seine späteren Romane wurden mit diesem Erstling verglichen - zu Ungunsten der späteren. Man verübelte ihm, dass er nicht jener Romancier wurde, den die Geschichte vom Jakob, dem barmherzigen Lügner, anzukündigen schien. Nicht als Romancier reüssierte er, sondern als ein - zumindest im Bereich der leichten Muse - glänzender Bildschirmdramatiker: „Liebling Kreuzberg“ (1986-1988).

Unlängst ist Jurek Becker gestorben. Unlängst? Es war 1997. In Bürgers „Lenore“ heißt es: „Die Toten reiten schnelle“.

Ihre Fragen schicken Sie bitte an Sonntagsfrage@faz.de oder Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, Stichwort „Sonntagsfrage“, Mittelstraße 2-4, 10117 Berlin.



Text: F.A.S.
Bildmaterial: CINETEXT, Cinetext/Kaatsch

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