Warum haben Sie Henry Miller nicht in Ihr Buch Über Amerikaner aufgenommen? Michael Kaiser, Waldkirch
Reich-Ranicki: Man sollte ein literaturkritisches Buch nicht mit einem Adressbuch verwechseln. Natürlich konnte ich viele amerikanische Schriftsteller nicht aufnehmen. Mein Buch Über Amerikaner ist ohnehin schon umfangreich.
Aber es gibt Leser, denen es leider Spaß bereitet, die Löcher im Schweizer Käse zu suchen. Wenn in einem Band 13 Schriftstellerporträts enthalten sind, fragen sie mehr oder weniger entrüstet, warum zwei weitere Autoren in dem Buch nicht zu finden sind.
Wie ist die Inschrift auf Rilkes Grab in Raron/Wallis zu verstehen? Veronika Steinfeld, Baden-Baden
Dieser Text, der mit den Worten Rose, oh reiner Widerspruch . . . ! beginnt, ist in der Tat schwer zu verstehen. Das gilt auch für manch ein anderes Gedicht Rilkes. Eben deshalb habe ich einen Rilke-Band mit dem Titel Und ist ein Fest geworden (Insel-Taschenbuch Nr. 2611) herausgegeben. Er enthält 33 Gedichte mit Interpretationen. Dort werden Sie auch jenes kurze Gedicht finden, das Ihnen so große Schwierigkeiten bereitet. Es wird von dem Germanisten Wolfgang Leppmann kommentiert.
Ist der vor neun Jahren verstorbene Dichter Karl Krolow, der zu Lebzeiten oft gerühmt wurde, zumal als Lyriker, inzwischen schon ganz vergessen? Dr. Albert Anders, Hamburg
Nein, im Gegenteil: Demnächst wird im Park Rosenhöhe in Darmstadt in der Nähe des Hauses, in dem er viele Jahre gewohnt hat, ein originelles Denkmal zu seinen Ehren aufgestellt.
Remarques Im Westen nichts Neues gehört - mit Recht - zu den bekanntesten Büchern über den Ersten Weltkrieg. Doch Edlef Köppens Heeresbericht ist nahezu vergessen. Hat dieser Roman das verdient? Martin Müller, Vineburg
Köppens Roman habe ich vor mindestens fünfzig Jahren gelesen. Ein solides, nicht sonderlich aufregendes Buch, nicht so sentimental und nicht so effektvoll wie der Remarque-Roman. Vielleicht ist das der Grund, dass Köppens Heeresbericht in Vergessenheit geraten ist.
Erwarten Sie, dass ich dieses Buch jetzt noch einmal lese? Ich werde gezwungen, immer wieder zu sagen, dass Bücher ihre Zeit haben und dann vergessen werden.
Wie konnte Thomas Mann das sehr umfangreiche und gründlich recherchierte Werk Joseph und seine Brüder über Themen der Bibel verfassen? Er ist ja meines Wissens nicht das, was man einen religiösen Menschen nennen könnte. Durch diesen Roman zieht sich die Schilderung des Waltens Gottes auf Erden, über das eigentlich nur ein religiös motivierter Mensch schreiben kann. Hans Büttner, Bad Homburg
Die in dieser Frage enthaltene Behauptung, über die Bibel könne nur ein religiöser Mensch urteilen, überrascht mich, ja sie entsetzt mich. Die Bibel ist ein großes Werk, von Menschen und für Menschen geschaffen. Die Bibel sollte selbstverständlich kritisch gelesen werden. Wer diese kritische Lektüre der Bibel nur gläubigen Menschen erlauben will, der möchte die Meinungsfreiheit bekämpfen. Den Roman Joseph und seine Brüder konnte nur Thomas Mann schreiben, dessen Sicht von keiner Religiosität getrübt oder beschränkt wurde.
Hat je ein Schriftsteller bessere Novellen geschrieben als Guy de Maupassant? Wen halten Sie für den besten Novellisten? Sieglinde Pander, Berlin
Es stimmt schon, dass Maupassant ein ganz vorzüglicher Novellist ist. Aber es gibt auch andere Novellisten von hohem und höchstem Rang - beispielsweise den Russen Anton Tschechow. Diese Fragestellung (wer war der allerbeste Romancier oder Dramatiker ober eben Novellist?) ergibt nicht viel, unter anderem, weil oft Autoren aus verschiedenen Epochen oder Sprachwelten miteinander verglichen werden. Das ist immer heikel und nur in Ausnahmefällen aufschlussreich. Wer war der größere Dramatiker: Sophokles oder Shakespeare, Ovid oder Rilke?
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Text: F.A.S.
Bildmaterial: DLA-Marbach, www.dla-marbach.de