19. März 2008 Bedauern Sie, dass der Abdruck von Illustrationen in Romanen nicht mehr üblich ist?
Björn Schroth, Frankfurt/Main
Marcel Reich-Ranicki: Nein, keineswegs. Die Illustrationen zu Romanen, Novellen oder auch zu Buchausgaben von Dramen sind überflüssig; mehr noch: Sie sind oft geradezu schädlich. Denn sie suggerieren den Lesern bestimmte Vorstellungen von Personen und Motiven, von Räumen und Möbeln und bringen ihn damit um das Vergnügen, sich diese Personen oder Gegenstände selber vorzustellen. Auf diese Weise wird in der Regel die Phantasie des Publikums eingeschränkt.
Gewiss, manche Illustrationen zeugen vom Talent des Zeichners oder Radierers oder Malers. Aber der Schriftsteller, der etwas taugt, ist auf die Hilfe dieses Zeichners oder Malers nicht angewiesen. Wozu sollte man die Romane von Joseph Roth, Hermann Hesse oder Anna Seghers illustrieren? Es gibt Schriftsteller, die selber nicht schlecht zeichnen können, doch meist klug genug sind, darauf zu verzichten, ihre Texte mit Bildern zu ergänzen, zu unterstützen und insgeheim zu kommentieren.
In einem Brief Goethes vom 25. November 1805, gerichtet an seinen Verleger Cotta, habe ich folgende Passage gefunden: Den Faust, dächt' ich, gäben wir ohne Holzschnitte und Bildwerk. Es ist so schwer, dass etwas geleistet werde, was dem Sinne und dem Tone nach zu einem Gedicht passt. Kupfer und Poesie parodieren sich ungewöhnlich wechselweise. Ich denke, der Hexenmeister soll sich allein durchhelfen.
Die Angelegenheit war für Goethe sehr wichtig. Denn am 31. März 1808 kommt er noch einmal auf die Frage der Illustrationen zu sprechen: Den Faust, wenn Sie ihn auch einzeln drucken, möchte ich nicht mit Kupfern begleitet sehen, wenn sie auch noch so gut wären. Sie beschränken die Einbildungskraft des Lesers, die ich ganz frey erhalten möchte.
Kurz und gut: Gute Erzähler und gute Leser brauchen keine Illustrationen.
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Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 16.03.2008, Nr. 11 / Seite 29
Bildmaterial: Cinetext/RR
