Fragen Sie Reich-Ranicki

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Ein Dank an Anna Seghers

01. August 2007 Haben Sie Manzonis Roman „Die Verlobten“ gelesen? Und wenn ja - was halten Sie von diesem Buch? Alessandro Junker, Berlin

Reich-Ranicki: Alessandro Manzonis Roman „Die Verlobten“ gehört zu jenen großen Werken der Weltliteratur, die mir in meiner Jugend entgangen sind. Erst im Jahre 1952 hat mich jemand auf diesen Roman aufmerksam gemacht und von mir verlangt, dass ich ihn schleunigst lese. Es war Anna Seghers.

Das methodische Denken gehörte nicht zu den starken Seiten dieser vielseitig gebildeten Autorin. Ich bin auch nicht sicher, ob der Marxismus - wie damals oft gesagt wurde - wirklich ihre Persönlichkeit geprägt hat. Jedenfalls vermochte er auf ihren Denkprozess keinen wesentlichen Einfluss auszuüben. Dies zeigen auch ihre Aufsätze und Ansprachen: Es sind sehr unterschiedliche, bisweilen reizvolle Arbeiten. Sie bestehen aber meist aus nur lose miteinander verbundenen Bruchstücken, genauer: aus Beobachtungen, Impressionen und Augenblicksbildern, aus Splittern, Reflexionen und erzählerischen Abschnitten.

Als wir uns 1952 in Warschau trafen, war Anna Seghers schlicht gekleidet und benahm sich ganz natürlich, ohne eine Spur von Selbststilisierung. Aber sie machte auf mich einen widerspruchsvollen Eindruck: Von ihrer Person ging etwas Betuliches aus - und zugleich etwas Unheimliches. Das hatte mit ihrer Mimik zu tun. Eben hatte sie freundlich gelächelt - und schon blickte sie resigniert und vielleicht schwermütig. Eben hörte sie mir konzentriert zu - und schon hatte ich den Verdacht, sie wäre zerstreut oder abwesend. Der Wechsel erfolgte stets plötzlich, ohne den geringsten Übergang.

Als wir auf das „Siebte Kreuz“ zu sprechen kamen, rühmte ich, ganz und gar aufrichtig, die novellistische Komposition dieses Romans. Anna Seghers winkte ab. Was ich da lobe, sei nicht ihr Werk oder Verdienst. Sie habe die Komposition von Manzonis Roman „Die Verlobten“ übernommen. Sie empfahl mir dringend die Lektüre dieses Buches. Ich habe ihren Ratschlag noch in derselben Woche befolgt - und keine nennenswerten Analogien gefunden. Die Komposition der „Verlobten“ mag mich tief beeindruckt haben, doch die Vorbildfunktion war wohl nur für sie selber erkennbar.

„Es waren zwei Königskinder, / die hatten einander so lieb, / sie konnten zusammen nicht kommen, / das Wasser war viel zu tief.“ Mit dem deutschen Volkslied, das so beginnt, ist der Inhalt der meisten erotischen Geschichten der Weltliteratur bereits angedeutet: Immer hören wir von zwei Menschen, die zusammen sein wollen und nicht zusammen sein können, weil sich die Welt ihrer Liebe widersetzt. Dies ist auch das Thema des Romans „Die Verlobten“ von Manzoni, der in den zwanziger Jahren des 19. Jahrhunderts geschrieben wurde.

Die Handlung des Romans spielt in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts in der Lombardei. Also ein historischer Roman? Gewiss, der farbenprächtig und anschaulich dargestellte Hintergrund ist historisch. Aber erzählt wird vor allem die so schlichte wie aufregende Geschichte zweier junger und armer Dorfbewohner, die sich lieben und schon verlobt sind und die dennoch nicht glücklich sein können. Es sind die Menschen ihrer Umgebung, die aus verschiedenen Gründen ihr Zusammenleben verhindern wollen und lange Zeit hindurch auch tatsächlich verhindern.

Wie immer der Roman „Die Verlobten“ beurteilt wurde, er galt sofort als ein innovatives, ein bahnbrechendes Werk. Doch worin besteht - diese Frage lässt sich nicht umgehen - das Neuartige, das die Weltliteratur Manzoni zu verdanken hat?

Es sind viele und sehr verschiedene Faktoren, die hier genannt werden müssten, aber wir sollten, die Vereinfachung nicht fürchtend, einen herausgreifen: Manzoni war ein Meister der Psychologie und dies lange, bevor es die Psychologie als moderne Wissenschaft überhaupt gab. Er hat in den „Verlobten“ eine Fülle glänzender Porträts geschaffen, die oft nachgeahmt und im Grunde nie übertroffen wurden. Er hat vor allem gezeigt, wie man in einem Roman Schicksale einzelner Menschen mit dem historischen, genauer: mit dem zeitgeschichtlichen Hintergrund verflechten kann.

Wenn sich aus der Geschichte der beiden jungen Menschen, die sich in der Welt um Mailand behaupten wollen, eine Moral ergibt, dann ist es die denkbar schlichteste. Sie lautet: Schlecht und verwerflich ist eine Welt, die die Liebe nicht duldet, ja sie sogar zu bekämpfen versucht.

Verdi meinte, dieser Roman seines Landsmanns sei „ein Trost für die Menschheit“. Und ein Deutscher glaubte, dass der Roman des Italieners „alles überflügelt, was wir in dieser Art kennen“. So wurde Manzonis Buch von einem gerühmt, der niemals leichtfertig lobte - von Goethe.

Ich habe Anna Seghers allerlei zu verdanken. Dazu gehört mit Sicherheit auch die nachdrückliche Empfehlung des Romans „Die Verlobten“ von Alessandro Manzoni.

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Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 29.07.2007, Nr. 30 / Seite 22

 
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