Wie geht es Siegfried Lenz, kann er arbeiten? M. R.-R., Frankfurt/M.
Zwischen uns sei Wahrheit. Meinem Freund Siegfried Lenz geht es nicht gut. Seine Beine versagen den Dienst. In den letzten Wochen ist er mehrfach gestürzt, mit schmerzhaften, doch glimpflichen Folgen. Er kann allerdings weder stehen noch gehen. Jetzt hält er sich in Dänemark auf, wo er von einer Freundin sehr gut, ja rührend betreut wird. Trotz seiner verschiedenen Leiden kann er sehr wohl am Schreibtisch sitzen und schreiben. In der vergangenen Woche ist ein Einakter (Die Versuchsperson. Stück) von Lenz erschienen und wurde sogleich im Ernst-Deutsch-Theater in Hamburg in einer szenischen Lesung aufgeführt. Jetzt arbeitet Siegfried Lenz, geboren 1926, an einem Roman: Die Landesbühne.
Ich lese gerade Klaus Manns Lebensbericht Der Wendepunkt. Ihre Beurteilung dieses Buchs von Klaus Mann und auch seiner anderen Werke wäre gewiss nicht nur für mich von großem Interesse. Edgar Hunger, Karlsruhe
Ich habe mich mit Klaus Mann eingehend beschäftigt. Meinen Essay über diesen tatsächlich sehr originellen Schriftsteller finden Sie in meinem Buch Thomas Mann und die Seinen, veröffentlicht in der Deutschen Verlags-Anstalt, München, und als Taschenbuch im Fischer-Taschenbuch-Verlag. Man möge mir nicht vorwerfen, dass ich hier Reklame für mich und meine Versuche mache. Solche Hinweise sind bisweilen unvermeidbar.
Lesbarkeit und Umfang sind für Sie - so auch in Ihrem Kanon - beachtliche Größen. Im Literarischen Quartett haben Sie wiederholt einen allzu großen Romanumfang bemängelt. Ist die Lektüre sehr umfangreicher Romane nur Pflicht für leidensfähige Kritiker? Carl Chevalier, Köln
In der Tat werden sehr umfangreiche Romane vor allem von Literaturprofessoren, Kritikern und Lektoren gelesen und natürlich von Studenten, die ihre Prüfungen vorbereiten. Ich habe einmal den Satz gefunden: Alle Bücher sind zu lang, mit Ausnahme von Telefonbüchern. Ich glaube, diese Weisheit stammt von Hans Magnus Enzensberger. Von dem Schweizer Adolf Muschg schätze ich vor allem zwei Erzählungsbände: Fremdkörper (1968) und Liebesgeschichten (1972). Meine Kritik der Fremdkörper endet mit den Worten: Das ist ein Buch für Leser. Auch die Rezension des anderen Bandes endet mit entschiedener Zustimmung. Dann habe ich mich einige Zeit mit anderen Autoren befasst.
1993 erschien Muschgs Roman Der rote Ritter. Der Stoff interessierte mich, doch als ich den Umfang sah (1006 Seiten!), verzichtete ich sofort auf die Lektüre. Autor und Verlag versuchten, mich zu überreden: In dem Buch seien sehr gute Kapitel und Abschnitte. Das mag ja sein, aber ich habe nicht die Zeit, die Rosinen in diesem gigantischen Kuchen zu suchen. Muschg wird mir vielleicht antworten, dass Thomas Manns Joseph und seine Brüder und so weiter. Ich würde wohl erwidern, dass Bücher von Genies nicht als Argumente verwendet werden sollten. Bis heute habe ich vom Roten Ritter keine Zeile gelesen. Es ist nicht ausgeschlossen, dass mir Vorzügliches entgangen ist.
Text: F.A.S.
Bildmaterial: dpa