Glauben Sie, daß Bücher wie Hesses "Steppenwolf", Frischs "Homo Faber" oder Musils "Mann ohne Eigenschaften" heute noch so erfolgreich wären? Stefan Wolters, Mönchengladbach
Reich-Ranicki: Jeder Roman, jede Erzählung ist das Produkt einer bestimmten Epoche. Aus demselben Stoff, vom selben Autor dreißig oder vierzig Jahre später geschrieben, wäre mit Sicherheit ein mehr oder weniger anderes Buch geworden. Ob der "Steppenwolf", in den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts entstanden, in den neunziger Jahren (entsprechend anders geschrieben) ein ähnliches Echo hätte, ob man sich für den "Homo Faber"-Stoff in den neunziger Jahren wirklich interessiert hätte - ich weiß es nicht. Und es leuchtet mir nicht ein, warum ich mir über eine solche gedankliche Konstruktion den Kopf zerbrechen sollte. Mit dem "Mann ohne Eigenschaften" verhält es sich insofern anders, als der Roman, als er zuerst erschien, keineswegs stark beachtet wurde.
Welches Buch würden Sie fern Ihrer Pflicht als Literaturkritiker gern noch einmal lesen? Heinrich Gebhardt, Heuchelheim
Reich-Ranicki: Dostojewskij: "Die Brüder Karamasow", "Verbrechen und Strafe" und die "Dämonen"; Tolstoi: "Krieg und Frieden" und "Anna Karenina"; Balzac: "Verlorene Illusionen", Proust: "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit". Reicht das?
Schätzen Sie Friedrich Rückert? Ist er in Ihren Augen ein großer deutscher Lyriker? Hans Kosti, Schweinfurt
Reich-Ranicki: Ein Lyriker wie Heine, Eichendorff oder Mörike ist Rückert nun doch nicht, wohl aber ein sehr beachtlicher Poet, den man nicht vergessen sollte. In der "Frankfurter Anthologie" hatten wir schon neun oder zehn Gedichte von ihm, interpretiert unter anderen von Golo Mann und Wolfgang Koeppen, von Renate Schostack und Ulla Hahn. Und in der Kanonbibliothek der deutschen Literatur, die seit einigen Jahren im Insel-Verlag erscheint, ist Rückert im vierten Teil ("Gedichte"), der jetzt vorbereitet und im August oder September erhältlich sein wird, mit mehreren Gedichten vertreten.
Es ist kein Zufall und es kann auch gar kein Zweifel darüber bestehen, daß Rückert mit seinen Versen zu einigen der herrlichsten deutschen Lieder beigetragen hat. Einige Beispiele: "Du bist die Ruh" (Schubert), "Du meine Seele, du mein Herz" (Schumann), "Ich bin der Welt abhanden gekommen" (Gustav Mahler). So gilt für ihn das Wort: "Verachtet mir die (kleinen) Meister nicht!"
Hat sich Ihr Urteil über Wolfgang Koeppen im Laufe der Jahrzehnte geändert? Frauke Flessner, Aurich
Reich-Ranicki: Koeppens Werk besteht, wie das von allen Schriftstellern, aus Büchern von sehr unterschiedlicher Bedeutung. Ich schätze besonders den frühen Roman "Eine unglückliche Liebe", den Roman "Der Tod in Rom" und das Fragment "Jugend". Für das allerwichtigste Buch von Koeppen halte ich den herrlichen Roman "Tauben im Gras", veröffentlicht 1951 und nach wie vor viel zuwenig bekannt. Wer diesen Roman nicht gelesen hat, der solle nicht glauben, er kenne die deutsche Literatur nach 1945.
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Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 15.05.2005, Nr. 19 / Seite 29
Bildmaterial: Cinetext/Sammlung Richter