Fragen Sie Reich-Ranicki

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Darf man literarische Werke kürzen?

28. November 2005 Darf man Übersetzungen literarischer Werke stark kürzen? Ich las kürzlich eine ungefähr halbierte Fassung der „Anna Karenina“ und fand sie wunderbar. Bei einem Buch wie „Moby Dick“ würde man sich doch auch wünschen, daß manche Längen gestrichen werden.
Sigmar Kreuser, Sindelfingen

Marcel Reich-Ranicki: Ich habe Verständnis für diese in der Tat wichtige Frage. Auch ich habe bisweilen an den philosophischen oder wissenschaftlichen oder auch publizistischen Darlegungen gelitten, oft auch an langwierigen Überlegungen über aktuelle politische Fragen und historische Probleme - in der „Anna Karenina“, in „Krieg und Frieden“, in manchen Romanen von Dostojewskij oder Balzac. Dennoch bin ich unbedingt dagegen, daß man derartige Meisterwerke der Weltliteratur kürzt.

Zunächst einmal: Wer sollte das machen? Kenner der russischen oder französischen Literatur oder Verlagslektoren oder ganz einfach bewährte Kritiker? Wenn man fünf bekannte Persönlichkeiten mit einer solchen Aufgabe betraute, würden - dessen bin ich sicher - fünf verschiedene Fassungen des jeweiligen Romans entstehen. Für welche sollte man sich entscheiden? Eine Kompromißlösung suchen?

Ferner: Wenn uns heute ein Abschnitt oder ein Kapitel in einem klassischen, einem berühmten Roman überflüssig scheint, so ist noch gar nicht sicher, daß die Leser in zwanzig oder fünfzig Jahren ebenfalls dieser Ansicht sein werden. Soll jede Generation die „Brüder Karamasow“ oder den „Idioten“ auf ihre Art und Weise zusammenstreichen und zurechtmachen? Sollen die großen Romane von Generation zu Generation geändert werden? Wollen wir auch den „Werther“ und die „Wahlverwandtschaften“ kürzen und vielleicht bearbeiten? Wie wäre es, wenn man aus Werthers Lotte eine ordinäre, dreckige Nutte machte? Das sei absurd? Keineswegs.

Neulich sah ich in Frankfurt ein Theaterstück, dessen Titel, wie dem Programm zu entnehmen war, „Egmont“ lautete und das angeblich von Goethe stammte. Doch von Goethes Text war kaum etwas geblieben, und die Figuren waren nicht wiederzuerkennen. Klärchen, eine der schönsten Gestalten der deutschen Literatur, war ein ungewöhnlich schmutziges, ordinäres Mädchen, Egmont ein Landstreicher, der den Kopfstand übte, Brackenburg, einst ein schüchterner Mensch, versuchte, es mit Klärchen zu treiben, was ihm nicht gelang, weshalb er sich prompt der Mutter des Mädchens zuwandte und sie vergewaltigte. Die berühmte Liebesszene endete damit, daß sich Klärchen und Egmont gegenseitig mit Dreck und Matsch bewarfen. Es war ein widerlicher Anblick. Beinahe hätte ich mich übergeben.

Wann wird man den deutschen Regisseuren (ich weiß schon: nicht allen, doch vielen) das Handwerk legen? Vorerst werden deutsche Dramen kaputtgemacht, aber wenn wir nicht scharf aufpassen, werden sich Leute finden, die die besten deutschen Romane zerstören. Also sollte man sich widersetzen, wenn man erst einmal ausländische Romane kürzen will.

Das zwanzigste Jahrhundert war nicht gerade zum Lachen. Dennoch die Frage: Welche sind Ihrer Ansicht nach die bedeutenderen Romane des vergangenen Jahrhunderts, die geprägt sind von Humor, Witz, Ironie, Komik?
Hannelore July, Stuttgart

Marcel Reich-Ranicki: Also bitte: Thomas Mann, „Buddenbrooks“, „Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull“, „Der Erwählte“. Heinrich Mann, „Professor Unrat“, „Der Untertan“. Kurt Tucholsky, „Schloß Gripsholm“. Erich Kästner, „Fabian“, „Emil und die Detektive“. Günter Grass, „Die Blechtrommel“. Reicht das vorerst? Darf ich mich setzen?

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Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 27.11.2005, Nr. 47 / Seite 29

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