Fragen Sie Reich-Ranicki
RSS

Fragen Sie Reich-Ranicki

Romane und Reisen

Welche Schriftsteller sind durch ihre Reisen maßgeblich beeinflusst worden? Ich denke hierbei an Flaubert, beispielsweise an seinen historischen Roman „Salammbô“, der im Zusammenhang mit einer Nordafrikareise entstanden ist. Monika Müller, Heiligenhaus

Reich-Ranicki: Ich glaube nicht, dass bedeutende Schriftsteller durch ihre Reisen, wohin auch immer, maßgeblich beeinflusst werden. Eventuell gilt das für einzelne ihrer Werke, und es sind nicht unbedingt ihre wichtigsten. Ein Beispiel hierfür ist gerade Flaubert und sein eher vom Publikum als von der Kritik geschätzter oder gar bewunderter Roman „Salammbô“. Die meisten anderen Romane und Erzählungen Flauberts, mit der unübertroffenen „Madame Bovary“ an der Spitze, bedürfen keines exotischen Milieus, spielen vielmehr in der Welt, aus der der Autor stammte. Er hat eben diese Welt genial geschildert.

Man sollte sich aber hüten, Bücher, Romane vorwiegend, die durch Reisen angeregt oder jedenfalls bereichert wurden, mit Reisebüchern zu verwechseln, solchen also, die, schon im Altertum bekannt, vornehmlich Reiseerlebnisse, Erfahrungen und Abenteuer darstellen, Reisebeschreibungen, Berichte und Tagebücher bieten.

In der deutschen Literatur sind vor allem die wissenschaftlichen Reisebücher von Alexander von Humboldt zu nennen, in der neueren deutschen Literatur Fontane, Egon Erwin Kisch und Wolfgang Koeppen. Heute haben technische Erfindungen - die Fotografie, der Film, das Fernsehen - die Reiseliteratur fast ganz in den Hintergrund geraten lassen und verdrängt.

In seinem Buch „A History of the Jews“ präsentiert der englische Historiker Paul Johnson Heinrich Heine als den Archetyp des brillanten jüdischen Intellektuellen des 19. Jahrhunderts. Er würdigt Heine zwar als literarisches Genie, wirft ihm aber (unter anderem) Folgendes vor:

Er sei nicht fähig gewesen, offen und ehrlich zu seiner jüdischen Herkunft zu stehen;

seine Bekehrung zum Protestantismus sei heuchlerisch und durch erhoffte materielle Vorteile bedingt gewesen sowie auch zynisch;

sein Selbsthass als Abtrünniger und seine Bemühungen, sein Judesein zu verleugnen, verleiteten ihn zu vielen antisemitischen Äußerungen;

bewusst falsch sei seine Behauptung aus dem Jahre 1850, er habe aus seinem Judentum niemals einen Hehl gemacht und sei niemals davon abgewichen.

Ist es möglich oder notwendig, Heine gegen diese Kritik zu verteidigen? Jeremy Devis, Frankfurt

Reich-Ranicki: Ich möchte diese Frage nicht beantworten, und zwar aus zwei verschiedenen Gründen.

1) Ich kann nicht sicher sein, dass Sie die Behauptungen des englischen Historikers einwandfrei zitieren. Es kann ja sein, dass man ihm ein Unrecht antut, wenn man auf Ihre knappen Fassungen seiner angeblichen Gedanken knapp und rasch eingeht (anders ist es nicht möglich).

2) Ich habe im Laufe der Jahre und Jahrzehnte eine ganze Anzahl von Arbeiten über Heine veröffentlicht. Leider habe ich den Eindruck, dass Sie diese Arbeiten überhaupt nicht kennen. Vor allem in meinem 1997 erschienenen Buch „Der Fall Heine“ (später wurde auch eine Taschenbuchausgabe publiziert) finden Sie die Antworten auf viele Ihrer Fragen. Sie können nicht von mir erwarten, dass ich mich fortwährend wiederhole.

Worin liegen die Stärken und Schwächen im Erzählwerk Oscar Wildes, und inwiefern darf man Parallelen zu Thomas Mann ziehen? Johannes Hörning, Düsseldorf

Die starken Seiten von Oscar Wilde liegen, um es ganz kurz zu sagen, in seinem Humor, seiner Ironie, seinem Witz und seiner Psychologie, in seiner poetischen Prosa und in seiner geistreichen Poesie, zusammenfassend: in seiner außerordentlichen Originalität. Parallelen zu Thomas Mann und Arthur Schnitzler? Warum nicht? Es fragt sich nur: wozu? Ich meine: Diese Parallelen würden nichts bringen und sind also überflüssig. Aber auf die Frage, ob man heute Wilde lesen sollte, antworte ich: ja, ja, ja!

Ihre Fragen schicken Sie an Sonntagsfrage@faz.de oder Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, Stichwort „Sonntagsfrage“, Mittelstraße 2-4, 10117 Berlin.



Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 14.01.2007, Nr. 2 / Seite 23

© Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH 2009.
Alle Rechte vorbehalten.
Vervielfältigungs- und Nutzungsrechte erwerben
Mehr als 35.000 Rezensionen
Buchtitel Buchautor Im Beitrag
Anzeige

Private Haftpflichtversicherung

Günstige Policen schon ab 50 € pro Jahr. Jetzt vergleichen, es lohnt sich!