16. Oktober 2006 Ich glaube mich zu erinnern, im Deutschunterricht von einem Harfenlieschen gelesen zu haben. Ist Ihnen der Begriff aus der Literatur bekannt?
Dr. Jürgen Capell, Frankfurt/Main
Marcel Reich-Ranicki: Offen gesagt, nehmen Sie es mir nicht übel, gefällt mir diese Frage nicht. Von einem Begriff kann schwerlich die Rede sein, gemeint ist wohl eher ein Name oder Spitzname. Und wenn ich ihn vielleicht vor sechzig oder siebzig Jahren gehört hätte, was hätten Sie oder andere Leser der Sonntagszeitung davon? Ich habe einen Verdacht: Sie haben einst ein wunderbares Gedicht gelesen und können es nicht vergessen. Nur kam da ein Lieschen gar nicht vor.
Zu meinen literarischen Jugenderlebnissen gehören die Geschichten und die Gedichte von Theodor Storm. Das erste Gedicht Storms, das mich rührte und aufschreckte, kommt in seiner Novelle Immensee vor. Es wird von einem Zithermädchen mit zigeunerhaften Zügen gesungen. Storm hat es später in seinen ersten Lyrikband aufgenommen und mit einer das Instrument ein wenig nobilitierenden Überschrift versehen: Lied des Harfenmädchens.
Sollte der Leser aus Frankfurt kein Harfenlieschen, sondern dieses Harfenmädchen meinen, es wäre nicht überraschend. Denn das kleine Lied, das mit den Worten beginnt Heute, nur heute / Bin ich so schön und das alles in allem aus 26 Wörtern besteht, zählt zu den schönsten poetischen Gebilden in deutscher Sprache. Was uns der Autor hier zu sagen hat, ist nicht neu. Wir wußten es längst. Wozu brauchen wir also solche Gedichte? Wir brauchen sie, damit sie uns unsere Empfindungen und Leiden bewußt und erkennbar machen. Wir brauchen Gedichte, in denen wir uns wiederfinden können.
Sind Wilhelm Raabes Werke, vor hundert Jahren viel gelesen, denn heute nur noch Stoff für Germanisten? Dem Vernehmen nach plant die Stadt Braunschweig zu seinem 175. Geburtstag umfangreiche Veranstaltungen.
Dr. Friedhelm Zwickler, Taunusstein
Marcel Reich-Ranicki: Es trifft schon zu, daß Raabes Romane vor hundert Jahren viel gelesen wurden. Während die Romane Fontanes im zwanzigsten Jahrhundert, zumal nach dem Zweiten Weltkrieg, erfreulicherweise immer mehr Leser fanden, geriet Raabe langsam in Vergessenheit, was mich keineswegs verwundert.
Ab und zu kommen Briefe (vornehmlich aus dem Land Niedersachsen), die mich fragen, was ich denn von diesem Schriftsteller halte. Wenn ich mich nicht irre, habe ich diese Fragen bisher nicht beantwortet. Das hat einen guten Grund: Wann immer ich Raabe gelesen habe, hat mich seine Prosa gelangweilt. Sein wohl populärster Roman ist zugleich sein fragwürdigstes, wenn nicht widerlichstes Buch: der antisemitische Roman Der Hungerpastor.
Raabe war und ist vielleicht noch heute ein überschätzter Romancier. Aber es wird wohl nicht mehr lange dauern, und sein Werk wird aufhören, Stoff sogar für kümmerliche Germanisten zu sein. Lesern, die sich mit den großen deutschen Erzählern der nicht allzu fernen Vergangenheit beschäftigen wollen, empfehle ich Fontane und Storm, Gottfried Keller und Conrad Ferdinand Meyer, Thomas Mann, Franz Kafka und Arthur Schnitzler.
Ihre Fragen schicken Sie an Sonntagsfrage@faz.de oder Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, Stichwort Sonntagsfrage, Mittelstraße 2-4, 10117 Berlin.
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 15.10.2006, Nr. 41 / Seite 28
Obsessiv: Neue Filme von Kitano, Schroeder und Arriaga im Wettbewerb am ![]()
Ein Werk, das Epoche macht: ,Die Ilias kommt ins Radio
Bei denen muss man höllisch aufpassen: Ein Besuch am Set von Navy CIS
Besuch der alterslosen Dame: Madonna singt, tanzt und lehrt in Berlin
Moschee, Opernquartier, Jüdisches Museum: Was sich die Kommune Köln leisten kann