Fragen Sie Reich-Ranicki

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Was halten Sie von Isaak Babel?

16. Juli 2005 Was halten Sie von der russischen Literatur des zwanzigsten Jahrhunderts, von Bulgakow etwa, von Pasternak oder Babel?

Peter Limberger, Bad Reichenhall

Reich-Ranicki: Ich bewundere die russische Literatur des 19. Jahrhunderts, allerdings die Prosaautoren wie Tolstoi, Dostojewskij, Turgenjew, Gogol oder Tschechow. Bei der Lyrik, die den besten Ruf hat, ohne außerhalb von Rußland viel gelesen zu werden, bin ich von den deutschen Übersetzern abhängig. Deren Arbeit ist gut oder mittelmäßig oder schlecht. Aber wirklich kongenial ist sie, soweit ich es sehe, niemals.

Mit der russischen Literatur des zwanzigsten Jahrhunderts verhält es sich ähnlich. Ein Beispiel für viele: Den Namen Pasternak kannte man in Deutschland, wenn man von den Slawisten absieht, so gut wie überhaupt nicht. Denn er verdankte seinen Rang der Lyrik. Erst als sein Roman „Doktor Schiwago“ erschien, wurde er überall schlagartig berühmt. Von den vielen hochbeachtlichen Prosaschriftstellern schätze ich neben Bulgakow ganz besonders Isaak Babel, der 1894 in Odessa geboren wurde und den man 1940 in Moskau (in der Haft und angeblich auf Stalins persönlichen Befehl) erschossen hat.

Babel schrieb viel und veröffentlichte wenig. Seine Meisterstücke umfassen nicht mehr als drei bis fünf Buchseiten. Allerdings waren sie das Ergebnis eines ungeheuren Arbeitsaufwands. Er war aus dem Geschlecht jener, die einen Wald fällen mußten, um ein Streichholz zu produzieren. Als er im Mai 1939 verhaftet wurde, soll er gesagt haben: „Man ließ mir nicht Zeit, fertig zu werden.“

Er war zwar Kommunist, aber kein politischer Schriftsteller. Geprägt hat ihn die strenge jüdische Erziehung, die Welt der Thora und des Talmuds, das elende und freilich auch exotische Gettomilieu von Odessa. Schon der Gymnasiast rebellierte gegen Askese und Stubengelehrsamkeit, zugleich gegen die sich aus der Situation des Juden ergebende, einseitige Betonung des Intellektuellen. Sehr bald fand er Ideale außerhalb der Welt seiner Herkunft: als die Bolschewiken siegten, war er dreiundzwanzig Jahre alt.

Babels Verhältnis zum Kommunismus war ernst und aufrichtig. Doch dominierten in diesem Verhältnis das Emotionale und das Gläubige. So gehörte Babel eher zu den Revolutionären als zu den Kommunisten, er war eher ein Mann des dramatischen Abenteuers als des prosaischen Alltags. Das Frontgeschehen faszinierte ihn, nicht die Arbeit der Stäbe. In der sowjetischen Reiterarmee machte er 1920 den Feldzug gegen Polen mit.

Während der wüsten Gemetzel dieses Polenkrieges wurde sich Babel endgültig über seine heikle Position klar. Sollte es denn unmöglich sein, das Neue zu akzeptieren, ohne sich vom Alten zu trennen? Das ist seine zentrale Frage. Immer wieder sucht er die Synthese von Tradition und Revolution, von Humanismus und Kommunismus. So strotzen seine Geschichten von Gegensätzen, harten Kontrasten und einfachen Antithesen.

Babels Schlüsselfigur ist ein jüdischer Antiquitätenhändler, der klagt, er könne nicht zwischen der Revolution und der Konterrevolution unterscheiden, da beide töten. Sein Schrei „Wo bleibt die süße Revolution?“ meint nichts anderes als das, wofür man viele Jahre nach Babels Tod das verlegene Wort vom „menschlichen Sozialismus“ geprägt hat.

Die Verbindung jüdischer Skepsis mit kommunistischer Gläubigkeit macht verständlich, daß man Babels Werk gern mit der Vokabel „romantisch“ bezeichnet. Es befindet sich auf einer poetischen Ebene jenseits von Ideologie. Nie fehlt seiner Kunst die handwerklich solide Basis. Was er auch schrieb, immer entstanden poetische Aufnahmen, deren Optik so scharf wie außergewöhnlich ist. Es sind, könnte man sagen, gestochene Skizzen.

Diese Prosa lebt von grellen Dissonanzen, die gleichwohl eine neue Harmonie schaffen. In nüchternen, protokollarisch kühlen Berichten tauchen orientalische Vergleiche auf, barocke Umschreibungen und expressive, wenn nicht expressionistische Metaphern.

Sein Werk wird bleiben. Und bleiben wird die Legende vom Talmudschüler, der unter die Kosaken ging, vom Soldaten, der nicht gelernt hat zu töten, vom Dichter, der nicht lügen wollte - die Legende vom Leben und Tod des Juden Isaak Emmanuilowitsch Babel aus Odessa am Schwarzen Meer.

Ihre Fragen schicken Sie an Sonntagsfrage@faz.de oder Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, Stichwort „Sonntagsfrage“, Mittelstraße 2-4, 10117 Berlin.



Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 17.07.2005, Nr. 28 / Seite 24
Bildmaterial: Cinetext Bildarchiv

 
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