Fragen Sie Reich-Ranicki

Fragen Sie Reich-Ranicki

Ein Autor, auf den man sich verlassen konnte, war er nie

17. Juni 2006 Sind Sie Wolfgang Koeppen jemals persönlich begegnet? Wie war die Begegnung?
Inge Schmidt, Stuttgart

Marcel Reich-Ranicki: Es war 1957. Ich lebte damals in Polen, wohin mich die nationalsozialistischen Behörden Ende 1938 deportiert hatten. Im Dezember 1957 reiste ich etwa zwei Wochen lang durch die Bundesrepublik. Offiziell war ich auf der Suche nach der neuen deutschen Literatur. Doch zugleich und vor allem wollte ich prüfen, ob ich nach beinahe zwanzig schweren Jahren vielleicht nach Deutschland zurückkehren könnte.

In Hamburg, wo die Reise begann, interviewte mich Siegfried Lenz, in Köln betreute mich Heinrich Böll, in München Erich Kästner. Dann aber wollte ich unbedingt Wolfgang Koeppen sehen. Ich kannte von ihm nur ein einziges Buch: den Roman „Tod in Rom“. Der aber hatte es mir angetan, meine Kritik, in einer polnischen Zeitschrift gedruckt, war sehr ausführlich und des Lobes voll.

Nun saß ich in München in einem Restaurant und wartete auf den Autor dieses Romans. Er wird schon sein - dachte ich mir - wie seine poetische Prosa, also scharf und streng, böse und bissig, jedenfalls ziemlich aggressiv.

Aber der Herr, der auf mich zukam, machte einen anderen Eindruck. Ich glaubte, er sei ein solider Oberstudienrat, der Griechisch und Geschichte lehrte, von den Schülern beiden Geschlechts geliebt würde und nach Feierabend an einem Buch über Perikles arbeite. Aggressiv war der Schriftsteller, mit dem ich den Abend verbrachte, am allerwenigsten, auch nicht selbstsicher, vielmehr etwas schüchtern, wenn nicht gehemmt, sehr freundlich und verbindlich, leise und liebenswürdig.

Ein Bohemien mit Prinzipien

Meine Fragen beantwortete er höflich und genau. Schließlich gab er mir ein Exemplar des Romans „Tod in Rom“. Ich wünschte mir, wie es sich gehört, eine Widmung. Ja, gewiß, aber so schnell gehe das nicht. Darüber müsse er erst nachdenken, mit einem verlegenen Lächeln bat er um mein Verständnis. Er werde das Buch mitnehmen und es mir dann mit einer entsprechenden Eintragung wiederbringen. Ich war verwundert, doch natürlich einverstanden.

24 Stunden später überreichte mir Koeppen seinen Roman zum zweiten Mal. Aber ich wagte nicht, den inzwischen von ihm verfaßten Widmungstext in seiner Gegenwart zu lesen. Erst in meinem Hotelzimmer schlug ich, noch im Mantel, neugierig das Buch auf. Die Widmung lautete: „Für“, es folgte mein Name, „in freundschaftlicher Zuneigung“. Das war alles.

Um diese Worte zu ersinnen, hatte also Koeppen das Exemplar seines Romans für einen Tag nach Hause genommen. Damals, als ich Koeppens konventionelle Formel las, wurde mir zum ersten Mal bewußt, wie außergewöhnlich sein schriftstellerisches Verantwortungsgefühl war.

Nein, ein Autor, auf den man sich verlassen konnte, war er nie. Niemals hat er Termine eingehalten, niemals hat es ihm etwas ausgemacht, seine Auftraggeber auf sanfte Weise vor den Kopf zu stoßen oder ganz einfach im Stich zu lassen. Gelegentlich wurde er als Bohemien bezeichnet, womit nicht Koeppens Habitus gemeint war, wohl aber seine geradezu extreme Ungebundenheit. Das stimmt schon, nur war er ein Bohemien mit Prinzipien.

Unzuverlässigkeit und Verantwortungsgefühl gingen bei ihm Hand in Hand. Verleger, Redakteure und Rundfunkleute haben ihn oft bedrängt, haben ihm in ihrer Verzweiflung gedroht oder geschmeichelt - und waren bisweilen erfolgreich. Doch unter keinen Umständen ließ sich Koeppen überreden, ein Manuskript abzuliefern, das er für unfertig hielt.

Ihre Fragen schicken Sie an Sonntagsfrage@faz.de oder Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, Stichwort „Sonntagsfrage“, Mittelstraße 2-4, 10117 Berlin.



Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 18.06.2006, Nr. 24 / Seite 28
Bildmaterial: CINETEXT

 
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