Können Sie ein Buch empfehlen, das dem Verständnis von Goethes Faust - besonders des zweiten Teils - hilft? Hans Buch, Dreieich-Buchschlag
Reich-Ranicki: Niemand hat schöner und klüger über Goethe geschrieben als Thomas Mann. Seine wichtigsten Texte über Goethe - sie stammen aus Essays und Reden, Briefen und Tagebüchern. Sie reichen vom Bericht des Zwanzigjährigen über eine Faust-Aufführung bis zu einer Briefstelle aus seinen letzten Lebensjahren - Wolfgang Mertz hat diese Arbeiten unter dem Titel Zutrauliche Teilhabe. Thomas Mann über Goethe gesammelt und herausgegeben. Das Buch ist 1999 im Fischer-Taschenbuch-Verlag erschienen.
Ein ganz anderes Buch über Goethe verdanken wir dem Germanisten Albrecht Schöne. Ich meine den vom Deutschen Klassiker-Verlag 1994 in Goethes Sämtlichen Werken, Briefen, Tagebüchern und Gesprächen veröffentlichten Band Johann Wolfgang Goethe: Faust. Texte und Kommentare.
Auf welchen Erfolg als Kritiker sind Sie besonders stolz? Dr. Konrad Soltau, Friedrichshafen
Reich-Ranicki: Das Wort Stolz verwende ich ungern, zumal wenn von meinen eigenen Arbeiten die Rede ist. Überdies betrifft Ihre Frage Intimes, und ich sehe keinen Grund, die Öffentlichkeit darüber zu informieren. Ich möchte lieber erfahren, welche meiner Arbeiten von meinen Lesern besonders geschätzt werden. Kurz: Man sollte niemanden ermuntern, die Produkte seiner Feder zu loben, zu rühmen und zu preisen.
Welche Bücher von Klaus Mann sind heute noch lesenswert? Sigurd Pfanner, Sigmaringen
Von seinen Romanen hat mich am meisten Mephisto interessiert. Das hat mit seinem Thema zu tun: Es ist ein böses, ein gehässiges, ein streckenweise auch sehr ungerechtes Buch über einen der größten Schauspieler, die ich in meinem Leben auf der Bühne gesehen habe - über Klaus Manns Schwager Gustaf Gründgens. Und zugleich ist es ein aufschlußreiches Buch über das Kulturleben in den letzten Jahren der Weimarer Republik und in den ersten Jahren des Dritten Reichs.
Doch interessanter als das künstlerische Werk Klaus Manns ist, glaube ich, sein ungewöhnliches Leben. Deshalb ist sein vielleicht wichtigstes Buch die Autobiographie: Der Wendepunkt. Was war denn an diesem Leben so interessant, ja faszinierend? Ich werde jetzt etwas tun, was nicht üblich ist, was mir aber hier ausnahmsweise zulässig und nötig scheint: Ich werde mich selber zitieren, und zwar den Anfang meines zuerst 1976 veröffentlichten Essays über Klaus Mann (Schwerpunkt und Schminke), der enthalten ist in meinem Buch Thomas Mann und die Seinen:
Er war homosexuell. Er war süchtig. Er war der Sohn Thomas Manns. Also war er dreifach geschlagen. Woran hat er am meisten gelitten? Eine solche Frage kann man nie schlüssig beantworten; aber sie läßt sich hier auch nicht umgehen. Denn sie ist es wahrscheinlich, die in das Zentrum dieser glanzvollen und traurigen, dieser dreifach glücklichen und erst recht dreifach elenden Existenz trifft.
Leid und Glück waren im Leben Klaus Manns untrennbar miteinander verquickt. Noch in seinen trostlosesten Monaten und Wochen schrieb er Briefe voll Frohsinn und Glückseligkeit. Und noch in seinen beschwingten und jubelnden Briefen bilden drohende Akkorde ein düsteres, ein acherontisches Ostinato. Ein Sonntagskind war er. Aber das unglücklichste, das man sich denken kann. Er liebte das Dasein, fieberhaft wollte er es genießen. Und doch war er von Anfang an ein Selbstmordkandidat. Kein Weltkind war je vom Tode stärker fasziniert als er.
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Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 27.08.2006, Nr. 34 / Seite 26
Bildmaterial: ASSOCIATED PRESS
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