Meiner Ansicht nach lässt sich das Verhalten Gerhart Hauptmanns im "Dritten Reich" nicht losgelöst von seinem Verhältnis zum Staat generell betrachten. Nach propagandistischten Kriegsgedichten ("Komm wir wollen streben gehen") im 1. Weltkrieg - auch wenn die Kriegsbegeisterung ein gesellschaftliches Phänomen war - freundete sich Gerhart Hauptmann relativ schnell mit der Weimarer Republik an. Obwohl er tagespolitische Aussagen vermied, wurde er als "heimlichen Kaiser" und "König der Republik" bezeichnet. Diese durchweg positive Einstellung zum Staat, egal ob Monarchie oder Demokratie, setzte sich auch nach 1933 fort. Bezeichnend dafür ist auch Hauptmanns Aussage in einem Brief an Rudolf G. Binding aus dem Jahre 1933: "Das wir […] gegen die Regierung, der wir unterstehen, nicht frondieren dürfen, ist eine Selbstverständlichkeit." Eine Einstellung, die Gerhart Hauptmann offenbar nicht einmal gegenüber dem verbrecherischen Nazi-Regime aufgegeben hat.
Die Frage vor jeder Literatur(Kunst)kritik ist immer wieder: Ist der Künstler von seinem Werk zu trennen? Ich selber mag zwar keine moralisch-selbstgerechte Kritiken (jeder dürfte da zur Rechenschaft gezogen werden - auch Kritiker). Jedoch die Glaubwürdigkeit leidet, wenn dieser Widerspruch ignoriert bzw. geduldet wird. Ich meine, Werke und ihre Urheber sind homogen - alles andere ist geheuchelt oder bedeutungslos.
Es macht einfach betroffen, das Reich-Ranicki trotz unstreitiger Kompetenz nicht in der Lage ist, seine Literaturkritik vom mehr oder weniger Gutverhalten der Betroffenen zm Nazi-Regime zu trennen. Gerade bei Gerhard Hauptmann: schade.