Fragen Sie Reich-Ranicki

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Er dankte mit dem Hitler-Gruß

02. Mai 2008 Wie beurteilen Sie das Werk von Gerhart Hauptmann: a) das Frühwerk, b) das Spätwerk, c) seine Haltung im Dritten Reich? Dr. Ulrich Oelschläger, Worms

Reich-Ranicki: Hauptmann war ein bahnbrechender Schriftsteller seiner Zeit (er lebte von 1862 bis 1946), zumal ein überaus erfolgreicher Dramatiker. Doch beinahe alle seine Bühnenwerke und Romane sind längst in Vergessenheit geraten - und dies keineswegs zu Unrecht. Also wie denn: bahnbrechend und vergessen? Die Sache lässt sich leicht erklären.

In den frühen Stücken Hauptmanns - „Vor Sonnenaufgang“, „Das Friedensfest“, „Einsame Menschen“, „Kollege Crampton“, „Die Weber“, „Der Biberpelz“ - erkannte man eine neue Richtung der deutschen Literatur: Man nannte sie den Naturalismus. Hauptmann war der wichtigste Repräsentant dieser Richtung, mehr noch: Er hat diese Richtung geschaffen und geprägt.

Das Leben sollte auf der Bühne gezeigt werden, wie es wirklich ist, die Menschen sollten sprechen, wie sie im Alltag wirklich sprechen. Hauptmann distanzierte sich von allen deutschen Klassikern des Dramas und wurde rasch selber ein Klassiker der Bühne.

Doch bald genügte ihm der Naturalismus nicht mehr, er sprengte seine Grenzen. So übertrug er die Technik des Naturalismus auf historische Stoffe („Florian Geyer“), so schrieb er ein neuromantisches Märchendrama in Versen („Die versunkene Glocke“) und eine Traumdichtung „Hanneles Himmelfahrt“, das erste Hauptmann-Stück, das (vielleicht wegen seiner Rührseligkeit) auch im Ausland viel gespielt wurde.

Zwischendurch kehrte er zu konsequent naturalistischen Stücken zurück: „Fuhrmann Henschel“ (1898) und „Rose Bernd“ (1903). In der „Berliner Tragikomödie“ „Die Ratten“ (1911) erreichte das Drama Hauptmanns seinen Höhepunkt. Er hat mit dem Stück bewiesen, dass eine Reinemachefrau ebenso eine tragische Figur sein kann wie Lady Macbeth oder König Lear.

Charakteristisch für das naturalistische Werk Hauptmanns sind die Fülle der Milieuschilderungen und der unvergleichliche Reichtum der Figuren aus allen Schichten der Bevölkerung. Im Mittelpunkt steht meist das unterdrückte und verfolgte, das leidende und schließlich scheiternde Individuum.

Von den vielen Stücken, die Hauptmann nach dem Ersten Weltkrieg geschrieben hat (meist sehr rasch und flüchtig), hat nur ein einziges die Zeit verhältnismäßig gut überstanden: „Vor Sonnenuntergang“ (1928), die Geschichte eines siebzigjährigen Geheimrats, der sich in ein junges Mädchen verliebt, das er zum Entsetzen seiner Familie heiraten will. Hauptmanns Romane und Erzählungen sind allesamt missraten, oft auf unangenehme Weise indiskret und exhibitionistisch, allerdings wieder mit einer einzigen, einer frühen und sehr bemerkenswerten Ausnahme: der novellistischen Studie „Bahnwärter Thiel“ aus dem Jahre 1892.

Ich habe alle diese Stücke von Hauptmann gesehen und noch viele andere, die als total verstaubt galten - und manch eine Ausgrabung war doch nicht überflüssig. Die Premiere des aus dem Jahre 1907 stammenden Lustspiels „Die Jungfern von Bischofsberg“ hat mich deprimiert - obwohl die Berliner Aufführung mit Käthe Gold und Marianne Hoppe ausgezeichnet war. Sie fand im November 1937 zu Ehren des 75. Geburtstags von Gerhart Hauptmann statt.

Die Nazis mochten ihn nicht, er bereitete ihnen, ob er es wollte oder nicht, viel Kummer. Er war gegen die Nazis, doch ließ er sich von ihnen gern und immer wieder feiern. Andererseits brauchte der nationalsozialistische Staat dringend einen repräsentativen Schriftsteller der älteren Generation, einen lebenden Klassiker - und da Thomas Mann emigriert war, kam nur Hauptmann in Frage. Damit hing auch zusammen, dass das Propagandaministerium Neuinszenierungen vieler seiner alten Stücke durchaus geduldet und bisweilen sogar empfohlen hatte. Sie waren den Intendanten angesichts der wachsenden Repertoireschwierigkeiten durchaus willkommen.

Viele Stücke, wenn nicht die meisten durften ja im „Dritten Reich“ nicht gespielt werden: weil die Autoren Juden oder Halbjuden oder Emigranten waren oder als „entartet“ galten, so beispielsweise Schnitzler, Sternheim, Hofmannsthal, Brecht, Zuckmayer, Toller, Horváth, Werfel, Wedekind, Bruckner, Barlach, Feuchtwanger, Hasenclever, Fleißer und noch viele andere.

Hauptmanns „Weber“ freilich durften im „Dritten Reich“ nicht gespielt werden. Ein Kuriosum: Während des Krieges wollten die Nazis „Die Weber“ aufführen lassen, doch mit einem neuen, optimistischen Schluss, des Inhalts etwa, dass die Weber es in Hitlers Staat gut hätten. Gerhart Hauptmann lehnte das Ansinnen ab.

Bei vielen Aufführungen aus Anlass seines Geburtstages war Hauptmann anwesend, so auch bei der Premiere der „Jungfern von Bischofsberg“ in Berlin. Er saß in der Ehrenloge mit Hermann Göring. Ich hatte einen billigen Platz im zweiten Rang, von dem sich aber die Ehrenloge gut beobachten ließ. Der Beifall nach dem Ende der Vorstellung war stürmisch und galt offensichtlich nicht nur den Schauspielern, sondern auch den prominenten Herren, die leutselig dankten. Sie dankten mit dem Hitler-Gruß.

Jawohl, ich habe es gesehen: Der greise Hauptmann, zu dessen Aufstieg zum großen Teil Juden beigetragen haben (Intendanten, Regisseure und Kritiker), kannte tatsächlich keine Hemmungen, die Hand zum Hitler-Gruß zu erheben.

Nach der Kapitulation im Frühjahr wurde Hauptmanns Wohnort (Agnetendorf im Riesengebirge) von sowjetischen und polnischen Truppen besetzt. Sie behandelten den greisen Dichter respektvoll. Der polnische Schriftsteller Leon Kruczkowski, der von 1900 bis 1962 lebte, hat mir erzählt, dass er, der damals als Offizier in diesem Teil Schlesiens war, den bewunderten Dichter besuchte, um ihm seine Hochachtung auszudrücken. Als der Dreiundachtzigjährige den bewaffneten Offizier erblickte, fiel er auf die Knie und bat um Gnade. Mit zitternder Stimme beteuerte er, er sei nie Nazi gewesen. Nehmt alles nur in allem: Gerhart Hauptmann wird nicht vergessen werden.

Ihre Fragen schicken Sie bitte an Sonntagsfrage@faz.de oder Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, Stichwort „Sonntagsfrage“, Mittelstraße 2-4, 10117 Berlin.



Text: F.A.S.
Bildmaterial: Cinetext Bildarchiv

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