Fragen Sie Reich-Ranicki

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Ein unverwechselbarer Ton

Wie beurteilen Sie den literarischen Wert von Eichendorffs „Aus dem Leben eines Taugenichts“, und warum hat die Novelle es nicht bis in Ihren Kanon geschafft? Christopher Ortmann, Paderborn

Reich-Ranicki: Ich werde oft von der Redaktion ermahnt, nicht zu streng mit jenen Lesern zu verfahren, die bisweilen ärgerliche Fragen stellen. „Aus dem Leben eines Taugenichts“ gehört zu den bedeutendsten und schönsten Werken Eichendorffs, ja der deutschen Romantik. Nur selten wurde das Lebensgefühl der Romantik so klar und anschaulich wiedergegeben wie in diesem Prosawerk, in das auch einige der berühmten Gedichte Eichendorffs aufgenommen wurden. In dem von mir herausgegebenen Kanon der deutschen Literatur finden sich nicht weniger als zweiundzwanzig seiner Gedichte.

Eichendorff war und ist einer der beliebtesten Dichter in der Geschichte der deutschen Literatur. In seiner oft volksliedhaften Lyrik ist der Wortschatz nicht sehr groß, seine Motive wiederholen sich. Aber der Ton seiner Poesie ist unverwechselbar, die Musikalität ihrer Sprache immer wieder erstaunlich. Und seine Erzählungen? Es gibt im Kanon „Das Marmorbild“ und „Das Schloss Dürande“. Warum hat es der „Taugenichts“ nicht in den Erzählungsteil geschafft? Da hätte es nur einen Grund geben können: der große Umfang dieser Novelle. Aber der „Taugenichts“ ist sehr wohl im Kanon enthalten, im Band 2, Seite 223 bis Seite 314. Also bitte.

Bei der jüngsten Feier zur „Frankfurter Anthologie“ wurden im Hessischen Rundfunk Gedichte Goethes, Heines, Brechts, Celans und Gernhardts gelesen und kommentiert. Würden Sie die Gedichte Gernhardts als gleichrangig mit der Lyrik Heines betrachten? Und würden Sie Gernhardt als einen der bedeutendsten Lyriker der jüngsten Literaturgeschichte bezeichnen? Thomas Biewer, Köln

Reich-Ranicki: In einer Gedichtanthologie werden Lyriker unterschiedlicher Qualität zusammengestellt. Wenn sich in einem Band Goethegedichte finden, dann gibt es in diesem Band mit Sicherheit keine Gedichte eines anderen Autors, der mit Goethe gleichrangig wäre. Dennoch ist eine solche Anthologie sinnvoll und nötig.

Robert Gernhardt, Jahrgang 1937, ist in der Tat mit keinem der anderen kommentierten Dichter gleichrangig, gleichwohl gehört er zu den wichtigsten satirischen Poeten der letzten Jahrzehnte. Freilich lässt sich nicht verschweigen, dass er zu Lebzeiten von der Literaturkritik unterschätzt wurde.

Ihre Fragen schicken Sie an Sonntagsfrage@faz.de oder Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, Stichwort „Sonntagsfrage“, Mittelstraße 2-4, 10117 Berlin.



Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 03.06.2007, Nr. 22 / Seite 36
Bildmaterial: dpa

 
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