Über den polnischen Satiriker Stanislaw Jerzy Lec ist neulich eine Monographie von Marta Kijowska erschienen (Die Tinte ist ein Zündstoff, Hanser-Verlag). Was halten Sie von diesem Autor und von dem neuen Buch? Sonja Keller, Dresden
Reich-Ranicki: Als 1960 zum ersten Mal in Deutschland ein Buch von dem bis dahin hierzulande ganz unbekannten Stanislaw Jerzy Lec veröffentlicht wurde - eine Sammlung seiner Aphorismen mit dem inzwischen berühmten Titel Unfrisierte Gedanken -, schrieb ich in der Welt eine enthusiastische Kritik. Später habe ich ihn mehrmals in der Frankfurter Allgemeinen gerühmt, zumal 1964 unter dem Titel Der Meister mit der Narrenkappe. Der noch junge Lec hat Glück gehabt. Weil ich ihn mehrfach und nachdrücklich gelobt habe? Nun ja, das auch. Aber vor allem deshalb, weil Karl Dedecius, der bewährte, der hervorragende Kenner polnischer Literatur, seine Aphorismen vorzüglich ausgewählt und übersetzt hat.
Und jetzt hat sich die aus Krakau stammende und seit vielen Jahren in München lebende Germanistin und Kritikerin Marta Kijowska, deren Artikel ich in der Süddeutschen Zeitung gern und mit Gewinn lese, glücklicherweise des Poeten und Aphoristikers Lec (er ist 1966 gestorben) angenommen. Das ist für die Leser, die er in Deutschland immer noch hat, ein erfreuliches Ereignis. Es sind vielleicht nicht sehr viele, aber auffallend treue Leser. Lec, 1909 im noch österreichischen Lemberg geboren, ist zweisprachig aufgewachsen. Er lässt sehr häufig an deutsche Vorbilder denken: von Lichtenberg über Heine, Schopenhauer und Nietzsche bis zu Karl Kraus.
Narren am Sockel des Throns
Hier gleich einige Beispiele der typischen Lec-Aphorismen: Sein Gewissen war rein. Er benutzte es nie. Oder: Hat ein Kannibale das Recht, im Namen dessen zu sprechen, den er gefressen hat? Oder: Schont die Sockel, wenn ihr die Denkmäler stürzt. Sie können noch gebraucht werden. Manchmal lesen wir überwältigend schlichte, prägnante Feststellungen: Analphabeten müssen diktieren. Oder: Die Uhr schlägt. Alle. Nicht ohne Stolz sagt Lec: Immer schon hatten die Narren am Sockel des Throns gesessen. Deshalb sahen sie auch als Erste, wenn er zu wackeln anfing. Lec verkündete keine Thesen, er wartete mit keinerlei Rezepten auf, er hatte kein Programm. Er repräsentierte nur den gesunden Menschenverstand, die Vernunft, die Logik.
Ich habe Lec gegen Ende des Krieges in Polen kennengelernt. Später sahen wir uns oft, in Polen, in Deutschland und auch in England. Er war ein glänzender Gesprächspartner, der nicht selten, mitten während der Unterhaltung, unerwartet Wortspiele machte und Aphorismen produzierte - polnische und bisweilen auch deutsche. Leider hat er seine deutschen Aphorismen nie aufgeschrieben.
Allerdings sprach er unentwegt - und ich lauschte schweigsam, ich begnügte mich damit, ihm mit gelegentlichen Stichworten zu dienen. Alles, was er erzählte, interessierte und amüsierte mich. Nach einer Stunde sagte er plötzlich: Das geht so nicht weiter. Wir reden ja immer nur über mich. Jetzt wollen wir über Sie reden. Sagen Sie mal, wie hat denn Ihnen mein letztes Buch gefallen? Ich habe diese Äußerung vielen Kollegen erzählt, man hat sie immer wieder zitiert und oft auch anderen Autoren zugeschrieben: So entstand eine internationale, eine schon klassische Wanderanekdote.
Ich empfehle Marta Kijowskas Buch Die Tinte ist ein Zündstoff mit dem Untertitel Stanislaw Lec, der Meister des unfrisierten Denkens. Der Band ist bei Hanser erschienen.
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Text: F.A.S.
Bildmaterial: Snapshot Hanser