Fragen Sie Reich-Ranicki

Fragen Sie Reich-Ranicki

Glücklicherweise ist George noch nicht veraltet

Wieso kommen Gedichte von Stefan George in Ihrer „Frankfurter Anthologie“ so selten vor? Finden Sie nicht, dass er einer der bedeutendsten Dichter des zwanzigsten Jahrhunderts war?
Frank Schirrmacher, Frankfurt

Marcel Reich-Ranicki: In der Tat, er war einer der bedeutendsten deutschen Dichter des 20. Jahrhunderts. Aber Brecht und Rilke stehen mir näher, ich bitte um etwas Toleranz. Dass George in der „Frankfurter Anthologie“ nur selten vorkommt, stimmt übrigens nicht, wir hatten immerhin 22 Gedichte von ihm. Dennoch wäre es mir recht, wenn wir unseren Lesern häufiger Verse von George bieten könnten. Freilich ist er schwer zu interpretieren.

Es ist schon mehr als einmal passiert, dass ein Mitarbeiter ein Gedicht von George für die „Anthologie“ vorgeschlagen hat, dann aber, aus welchen Gründen auch immer, nichts mehr von sich hören ließ.

So wollte auch der Frankfurter Leser Schirrmacher, den ich sehr schätze, zu unserer Freude ein George-Gedicht (oder war es vielleicht etwa eins von Benn?) für die „Anthologie“ kommentieren. Es vergingen viele Tage, Wochen, Monate und Jahre - und das sehnsüchtig erwartete Manuskript kam nicht. Ich war enttäuscht, aber ich wusste doch, gut Ding will Weile haben. Inzwischen ist die George-Poesie, den düsteren Voraussagen zum Trotz, glücklicherweise noch nicht veraltet.

Ich warte also weiterhin. Und wenn statt des George-Gedichts nun ein Benn-Gedicht kommen sollte - mir soll es recht sein. Nur möchte ich endlich die „Frankfurter Anthologie“ mit dem Namen des Frankfurter Lesers Frank Schirrmacher, der dem Vernehmen nach ein glühender Anhänger dieser Rubrik ist, schmücken können.

Welches ist das schlechteste Buch, das Thomas Mann geschrieben hat? Sein Drama „Fiorenza“? Die Kampfschrift „Friedrich und die große Koalition“, die Novelle „Wälsungenblut“?
Thorsten Berent, Köln

Marcel Reich-Ranicki: Mich interessieren nicht die schlechtesten Arbeiten eines Autors, sondern seine besten. Schwaches und Schlechtes haben alle produziert: Auch Homer hat gelegentlich fest geschlafen, auch Dante hat bisweilen versagt, auch Goethe hat Schlechtes geschrieben, sogar dem großen Peter Handke, seine Bewunderer werden es nicht glauben, ist manches ein klein wenig missraten.

Und Thomas Mann? Auch er war ein Mensch, doch die drei vom Kölner Leser Berent genannten Arbeiten sind alle drei interessant, wenn auch nicht ganz gelungen. Aber heute gibt es keinen Platz für diese Frage mehr, hierüber also bei nächster Gelegenheit. Und auch über einen Autor, der alles, wirklich alles fabelhaft falsch gemacht hat. Vorläufig kann ich seinen Namen nicht verraten.



Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 26.08.2007, Nr. 34 / Seite 25

 
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