11. Juli 2006 Halten Sie die Liederzyklen "Die schöne Müllerin" und "Die Winterreise" für bedeutende deutsche Lyrik, oder gewinnen sie ihre Bedeutung allein durch die Vertonung Franz Schuberts?
Rolf-Dietrich Busch, Strande
Marcel Reich-Ranicki: Müller ist ein wunderbarer romantischer Lyriker, auf dessen außerordentliche Bedeutung schon Heine nachdrücklich hingewiesen hat. Im 19. Jahrhundert, zumal in dessen zweiter Hälfte, wurde Müller meist unterschätzt und stand oft im Schatten Schuberts. Inzwischen gibt es keine deutsche Anthologie, in der seine elegischen und melancholischen Gedichte fehlen würden.
Kürzlich erwähnten Sie die polnische Lyrik. Es gebe herrliche polnische Gedichte, deren Schönheit nur jene ermessen könnten, die des Polnischen mächtig seien.
Tycho Hilgendorf, Braunschweig
Marcel Reich-Ranicki: Gedacht habe ich zunächst an die beiden genialen Romantiker Adam Mickiewicz und Juliusz Słowacki. In Deutschland kennen nur sehr wenige Leser den Dichter Mickiewicz. Słowacki kennt niemand. Ein origineller und hervorragender Lyriker ist Cyprian Norwid, der 1821 geboren wurde und 1883 starb und der in Polen sehr geschätzt wird, aber nicht sonderlich populär ist. Ein wunderbarer Poet ist Julian Tuwim, der von 1894 bis 1953 lebte. Ein großer Teil der Poesie dieser Autoren läßt sich sehr schwer übersetzen - oder überhaupt nicht.
Wie beurteilen Sie die Nachdichtungen polnischer Lyrik des Übersetzers Karl Dedecius?
Tycho Hilgendorf, Braunschweig
Marcel Reich-Ranicki: Ich habe Dedecius 1958 oder 1959 in Heilbronn, wo er damals lebte, kennengelernt. Jetzt wohnt er (seit über vierzig Jahren) in Frankfurt. Ich bin überzeugt, daß niemand soviel getan hat, um polnische Literatur in Deutschland bekanntzumachen wie eben Karl Dedecius aus Łódź.
Was ist so bemerkenswert, eindringlich, mitreißend und erinnerungswürdig an Robert Gernhardts Gedichten?
Gisela Ueffing-Bußkamp, Bocholt
Marcel Reich-Ranicki: Gernhardts Gedichte sind in der Regel, wie die Verse von Satirikern und Humoristen, weder eindringlich noch mitreißend. Aber sie sind in höchstem Maße bemerkenswert und eben erinnerungswürdig. Was da erinnerungswürdig sei? Alles: die Melodie, die Reime, die Bilder, der Witz, der Humor und, nicht zuletzt, die Gedanken. Er war einer der großen Dichter der Epoche nach 1945.
Sind Ärzte, die sich als Dramatiker entwickeln, zum Trübsinn geneigt, zum Beispiel Tschechow, Schnitzler, auch Schiller?
John Grey, Brighton
Marcel Reich-Ranicki: Nein, das glaube ich nicht, auch dann nicht, wenn man so wichtige Namen wie Alfred Döblin und Gottfried Benn noch hinzufügt. Mit dem Drama hat die Neigung zum Trübsinn nichts zu tun. Wohl aber will mir scheinen, daß alle Schriftsteller, zumindest zeitweise und jedenfalls in der Neuzeit, schwermütig und trübsinnig sind. Der Beruf des Arztes ist für derartige Neigungen nicht verantwortlich, er kann sie höchstens steigern.
Sie rezensieren seit Jahrzehnten Romane, Gedichte, Essays, Erzählungen und Novellen. Kritiken über Biographien und Autobiographien aus Ihrer Feder sind eher selten. Woran liegt das?
Harald Möller, Velbert
Marcel Reich-Ranicki: Die Beurteilung einer Biographie ist keine rein literarische Angelegenheit. Man muß schon sehr viel über Mozart, Lessing, Bach oder Freud wissen, um ein Buch über einen von ihnen zu begutachten. Ich aber befürchte immer, meine Kenntnisse des Lebens und des Werks dieser Genies seien doch nicht hinreichend gründlich.
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Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 09.07.2006, Nr. 27 / Seite 28
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