Was sagen Sie zu Jorge Luis Borges? Eckhard Raabe, Bad Salzschlirf
Reich-Ranicki: Im Jahr 1982 unterhielt ich mich ausführlich mit dem hervorragenden peruanischen Schriftsteller Mario Vargas Llosa, unter anderem über Jorge Luis Borges. Llosa sagte knapp: Wenn ein Dichter spanischer Zunge den Nobelpreis verdient hat, dann ist es Borges. Was er für unsere Literatur getan hat, lässt sich kaum überschätzen. Denn er hat die Sprache der modernen spanischen Poesie geschaffen. Wir alle kommen aus seinem Mantel.
Kurz darauf wurde der Nobelpreis verliehen, und Borges, damals 83 Jahre alt, wurde wieder einmal übergangen. Borges gehörte zu den großen Schriftstellern, die alljährlich den Nobelpreis nicht erhalten, weil sie aus irgendwelchen uns unbekannten Gründen den Herren in Stockholm missfallen. Einer der ignorierten Autoren war Graham Greene. Hier glaubte man den Grund zu kennen: Er soll mit der Ehefrau eines wichtigen Jurymitglieds des Nobelpreises geschlafen haben - und hatte daher, angeblich, in Stockholm keine Chancen.
Ich habe Borges nur einmal getroffen: Ende Oktober 1982 in einem Frankfurter Hotel. Er war für einige Tage nach Deutschland gekommen. Er liebte dieses Land, weil er die deutsche Literatur liebte und die deutsche Philosophie bewunderte. Vor allem wollte er Düsseldorf besuchen, und zwar wegen Heine. Denn er empfinde sich, so Borges ganz ungeniert, als Doppelgänger oder Nachfolger Heines. Er möchte einmal in dem Haus sein, in dem dieser Dichter geboren wurde.
Während er sich mit Emphase über Heine äußerte, blickte ich auf seine blaue Krawatte, die auf unauffällige Weise besonders schön war und vorzüglich zu seinem dunkelblauen Anzug passte. Während Borges temperamentvoll über Heine sprach, dachte ich mir: Er hat diese Krawatte nie gesehen. Schon in seiner Jugend haben ihm seine Augen viel Kummer bereitet. Ab 1955 war er vollkommen erblindet. Was wird er von seinem Aufenthalt im Hause Heines haben? Nichts als das Bewusstsein, im Hause Heines zu sein. Aber ist das wenig?
Wir sprachen dann lange über Goethe, Schiller und natürlich Heine. Vom Theater allerdings wollte er nichts wissen. Natürlich bewundere er Shakespeare, doch nicht auf der Bühne. Von Brecht habe er nie eine Zeile gelesen. Nach seinen Vorbildern befragt, nannte er zuerst Kafka. Sein ganzes Leben habe er von und über Kafka gelesen, bisweilen habe er Kafka sogar plagiiert. Wirklich hervorragend seien aber nicht dessen Romane, sondern die Erzählungen.
Eine Welt, bloß aus Büchern bestehend - so hat sich Borges einmal das Paradies vorgestellt. Doch je länger das Gespräch mit ihm dauerte, desto klarer wurde es mir, dass die Bücher, die er für das von ihm erträumte Paradies benötigte, fast ausschließlich Lyrik enthalten sollten. Er hat Heym und Trakl übersetzt, er rezitierte mit sichtlichem Vergnügen Liliencron und Morgenstern, Hofmannsthal und George. Die Expressionisten kannte er wohl alle.
Bedeutende Dichter, sagte Borges, hätten etwas von einem Naturereignis - eben deshalb könne man sie nie kritisieren. Die Besprechungen seiner Bücher habe er nie gelesen. Wozu sollte er das tun? Sobald ein Werk vollendet und publiziert sei, existiere es für ihn nicht mehr, er wolle es unter keinen Umständen wiederlesen.
Was ich von Borges kenne, interessierte ihn nicht, glücklicherweise. Denn meine Kenntnis seiner Schriften war und ist sehr dürftig. Das hat einen, freilich entscheidenden Grund: Spanisch gehört zu den vielen Sprachen, die ich nicht beherrsche. Deshalb kenne ich jenen Teil seines Werks, der sein weitaus bedeutendster sein soll, überhaupt nicht - die Lyrik. Und damit hat es zu tun, dass ich mich sehr lange geweigert habe, in unserer Rubrik über Borges zu schreiben. Ich bitte um Verständnis.
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 18.11.2007, Nr. 46 / Seite 31
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