Fragen Sie Reich-Ranicki

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Viele Künstler sind große Kinder

28. Juni 2007 In Ihrem Buch „Über Amerikaner“ ist mir die Bemerkung aufgefallen, dass es Schriftsteller gebe, die man bewundern müsse und die trotzdem der Nachsicht bedürften. Mich würde interessieren, wie Sie zu dieser verblüffenden Ansicht kommen. Es wäre nett, wenn Sie dies kurz erklären könnten. Petra Berger, Bonn

Marcel Reich-Ranicki: Es wundert mich, dass Sie diese Ansicht für ungewöhnlich halten. Mir schien es, dass ich sie innerhalb meines Buches „Über Amerikaner“ hinreichend erklärt habe. Also: Es gibt viele Künstler, auch Schriftsteller, die Erschütterndes, die Meisterhaftes leisten. Man verneigt sich vor ihnen, aber man kann sie nicht ganz ernst nehmen. Denn viele dieser großen Künstler sind zugleich große Kinder. Zu ihnen gehört auch der wunderbare Erzähler Ernest Hemingway.

Ein ganz anderer Fall: Wenn man die Tagebücher von Thomas Mann liest, empfindet man oft Mitleid mit einem Autor, der genial und unerhört eitel war. Es gibt viele Schriftsteller, die nicht eitel sind. Aber lohnt es sich, sie zu lesen?

Neulich habe ich einen kleinen Band von Hans Sahl erstanden: „Memoiren eines Moralisten. Das Exil im Exil“. Ein wahres Bijou. Wer war dieser in Vergessenheit geratene Autor? Edgar Blöchlinger, Duiller, Schweiz

Reich-Ranicki: Es stimmt schon: Sahl ist in der Tat ein in Vergessenheit geratener Schriftsteller und Feuilletonist. Geboren wurde er 1902 in Dresden, und er starb 1993 in Tübingen. Er schrieb über Literatur, Theater und Malerei. Seine Heimat war in Berlin: zwischen dem Gendarmenmarkt und der Gedächtniskirche. 1933 musste er fliehen. Denn er war Jude. Während des Krieges wurde er in Frankreich als Deutscher interniert, dann gelang ihm die Flucht nach Amerika.

Im Nachkriegsdeutschland machte den Autor Sahl der autobiographische Roman „Die Wenigen und die Vielen“ (1959) bekannt, später die „Memoiren eines Moralisten“ und auch einige Gedichte. Es sind beachtliche, lesenswerte Zeitdokumente.

Am interessantesten sind in der Prosa Hans Sahls die Teile, die die Ereignisse des Jahres 1933 betreffen. Ausgeleuchtet wird nur der Raum des Privaten, doch gezeigt wird die Weltgeschichte. Die Darstellung ist ganz distanziert, ein wenig melancholisch, ohne eine Spur von Hass oder Zorn. Es dominieren Schmerz und Trauer und grenzenlose Verwunderung.

Ich habe von Ihnen erfahren, wie viel die Literatur zu leisten vermag, insbesondere wie viel Trost, Hoffnung und Lebensmut sie einem persönlich geben kann. Kann sie dem Leser auch die Angst vor dem Tod nehmen? Welchem Schriftsteller ist dies besonders geglückt? Karl-Heinz Deichelmann

Reich-Ranicki: Eine sehr generelle Antwort auf Ihre sehr allgemeine Fragen gibt es nicht. Das hängt vom Individuum ab und ist in jedem einzelnen Fall anders. Je bedeutender, je größer ein Schriftsteller ist, desto eher kann ihm glücken, was Sie offensichtlich von der Literatur erwarten. Aber Sie möchten vielleicht Namen hören: Hier sind zwei: Shakespeare und Goethe.

Schätzen Sie Kriminalliteratur und Thriller? Was halten Sie von Eric Ambler? Dirk Hohnsträter, Berlin

Reich-Ranicki: Ich bin an Kriminalliteratur und an Thrillern in der Regel nicht interessiert. Eric Ambler habe ich nicht gelesen. Wir alle haben unsere Bildungslücken. Ich bitte um Nachsicht.

Ihre Fragen schicken Sie an Sonntagsfrage@faz.de oder Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, Stichwort „Sonntagsfrage“, Mittelstraße 2-4, 10117 Berlin.



Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 24.06.2007, Nr. 25 / Seite 30

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