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Hat Daniel Kehlmann recht?

Daniel Kehlmann

Daniel Kehlmann

15. Juni 2006 Daniel Kehlmann, der Autor des zu Recht erfolgreichen Romans „Die Vermessung der Welt“, wurde in einem Interview in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung vom 12. März dieses Jahres gefragt, ob er nicht bei neuen Büchern mitunter den Eindruck habe, „da hätte ein ordentliches Lektorat nicht geschadet“. Kehlmann antwortete: „Eher bei alten Büchern. Zum Beispiel bei ,Krieg und Frieden', ,Die verlorenen Illusionen' oder ,Effi Briest'. Da sind viele Stellen, die ein aufmerksamer Lektor gestrichen oder gestrafft hätte.“ Was ist davon zu halten?
Aenne Schrape, Oldenburg

Marcel Reich-Ranicki: „Und man siehet die im Lichte, die im Dunkeln sieht man nicht“ - heißt es in der „Dreigroschenoper“. Die Autoren sind es, die, wenn es gutgeht, im Lichte stehen. Und die Lektoren bleiben, was immer auch geschieht, im Dunkel. Sie entdecken und fördern, beraten und erziehen, stimulieren und kontrollieren. Sie werden als Marktkenner und Feinschmecker, als Korrepetitoren und Mentoren gebraucht, sie müssen sich sogar als Beichtväter bewähren. Sie dienen der Literatur als Hebammen - und bisweilen lieben sie die Kinder ihrer Schützlingen, als wären es ihre eigenen.

Von allen Aufgaben des Lektors scheint mir keine wichtiger zu sein als diejenige, begabten Autoren, jüngeren zumal, zur Selbstverwirklichung zu verhelfen. Letztlich will der Verlagslektor, der literarische Werke betreut - in dieser Hinsicht dem Kritiker ähnlich -, nur eins: zu schriftstellerischen Leistungen beitragen.

Schuld ist immer der Lektor

Somit ist er imstande, auf die zeitgenössische Literatur einen (in Ausnahmefällen beträchtlichen) Einfluß auszuüben. Über den tatsächlichen Anteil der Lektoren an den publizierten Büchern, der sich übrigens fast nie genau ermitteln läßt, wird die Öffentlichkeit in der Regel nie informiert.

Jedenfalls geht, was vom Lektor erwartet wird, auf keine Kuhhaut. Er muß natürlich intelligent, gebildet und fleißig sein, bescheiden und taktvoll. Was gut in dem schließlich erschienenen Buch ist, geht auf die Rechnung des Autors, das Schwache, Verfehlte und Mißratene, versteht sich, hat der Lektor übersehen, wenn nicht verschuldet. So ist es immer. Und auf das, was er an Fehlern und Mängeln, die im Manuskript waren, beseitigt oder verhindert hat, kann er natürlich stolz sein, aber er muß es unbedingt für sich behalten. Diskretion gehört zum Beruf des Lektors - wie des Frauenarztes.

„Was soll man heute tun? Ich meine: nichts“

Sicher ist - und das hat Kehlmann treffend gesagt -, „ein Lektor kann aus einem mittelmäßigen Buch kein Meisterwerk machen“. Aber stimmt seine Ansicht, daß ein Meisterwerk durch Längen, Wiederholungen und überflüssige Stellen nicht schlechter werde? Recht hat er, doch mit der Einschränkung, daß derartige Mängel die Lektüre des Buches mühsamer machen und nicht selten die Zahl seiner Leser verringern. Gute Lektoren können es erreichen, daß die Texte glatter, fehlerloser, perfekter werden - und hier und da auch leichter lesbar. Doch ob sie wirklich nennenswert besser werden, ist zumindest sehr zweifelhaft.

Daß in Romanen der Weltliteratur der Lektor manches hätte streichen sollen, ist schon richtig. Vielleicht hat er es gewagt, Balzac oder Tolstoi einen entsprechenden Vorschlag zu machen, aber die Herren waren eigensinnig. Was soll man heute tun? Ich meine: nichts.

Werke, die Jahrhunderte glanzvoll überdauert haben, soll man nicht unserem Geschmack anpassen. Wenn man damit anfängt, dann wird man sie alle zehn oder zwanzig Jahre neu bearbeiten, neu zurechtstutzen müssen. Die so entstehenden Fassungen längst bewährter Romane würden niemandem dienen, wohl aber ein großes Durcheinander zur Folge haben. Auch Kehlmanns „Vermessung der Welt“ soll bleiben, wie sie ist.

Ihre Fragen schicken Sie an Sonntagsfrage@faz.de oder Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, Stichwort „Sonntagsfrage“, Mittelstraße 2-4, 10117 Berlin.



Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 11.06.2006, Nr. 23 / Seite 28
Bildmaterial: dpa

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