16. April 2008 Wie beurteilen Sie die Aussage des bekannten Anglisten Dietrich Schwanitz (Englische Kulturgeschichte, Bd. 1): Mit der Zeit von 1588 bis 1590 haben wir den Punkt erreicht, an dem aus dem Unterholz der Geschichte plötzlich das Wunder des Zeitalters auf die Lichtung des Seins trat: der Dramatiker aller Dramatiker, der nächst Gott am meisten auf dieser Welt geschaffen hat, William Shakespeare. Heinz Windmöller, Köln
Reich-Ranicki: Dieser Satz macht mich ratlos. Mein erster Eindruck: So darf man über Literatur auf keinen Fall schreiben. Was soll das heißen: Unterholz der Geschichte oder die Lichtung des Seins? Die Mitarbeiter unserer Frankfurter Anthologie ermahne ich oft: Je dunkler ein Gedicht, desto klarer und sachlicher sollte der Kommentar sein. Die Interpretation eines Gedichts ist nicht der Ort für poetische Formulierungen. Über Hölderlin sollte man sich möglichst einfach äußern.
Und was hat in dem zitierten Satz das Wort Gott zu suchen? In der erfolgreichsten Anthologie der Weltliteratur werden wir belehrt, dass wir das Wort Gott nicht unnütz im Munde führen sollen. Eine Ausnahmeregelung für Literaturhistoriker ist in der Bibel nicht zu finden.
Friedrich Sieburg hat einmal seine Rezension eines Buches (es war ein Roman von Ernst Wiechert) knapp betitelt: Zuviel Gott. Das war die beste Charakteristik des abscheulichen Buches. Und wer über Shakespeare prätentiös schreibt, der schadet dem Ruf des Dramatikers aller Dramatiker. Unser Trost: Man kann seinem Ruf überhaupt nicht schaden.
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Text: F.A.S.
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