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Lesen Sie Balzac!

Für Marcel Reich-Ranicki “ein Kerl sondergleichen“: Honoré de Balzac

Für Marcel Reich-Ranicki "ein Kerl sondergleichen": Honoré de Balzac

Neulich wurden Sie in unserer Rubrik nach Balzac gefragt. Ihre Antwort war sehr knapp. Könnten Sie bitte noch einmal auf Balzac zu sprechen kommen. Insbesondere: Welche seiner Romane sollte man vor allem lesen? Und welches Buch über Balzac ist empfehlenswert?
Felix Auer, Berlin

Marcel Reich-Ranick: Dieser Balzac, dieser vierschrötige Mann, der aussah wie ein Athlet - er war schon ein Kerl sondergleichen. In seiner Jugend schrieb er Schundromane, die nicht viel Geld brachten, dann versuchte er sich als Verleger und Druckereiunternehmer und scheiterte kläglich. Doch bald entwarf er sein Hauptwerk, einen geradezu gigantischen epischen Kosmos, der aus 137 Romanen bestehen sollte, von denen jedoch nur rund 90 vollendet wurden. Die „Comédie humaine“ (der Titel spielt auf Dantes „Göttliche Komödie“ an) sollte das Gesellschaftsbild Frankreichs nach der Revolution von 1789 veranschaulichen.

Es ist schon lange her, dass ich diesen herrlichen Schriftsteller, einen der größten der Weltliteratur, gelesen habe - natürlich nicht alle seine Romane und Erzählungen. Hier kann ich nur auf jene hinweisen, die sich mir (offenbar unauslöschlich) eingeprägt haben. Geschildert werden Adlige, Bürger und Kleinbürger, Soldaten, Geistliche, Verbrecher, Beamte, Bauern, Künstler, Huren. Es sind meist leidenschaftliche und skrupellose Menschen, intelligente Schieber, korrupte Politiker und zynische Journalisten. Den Hintergrund bilden verschiedene Städte der französischen Provinz, vor allem aber Paris.

Die Darstellungskunst Balzacs ist unvergleichbar. Sie fasziniert die Menschen in allen Ländern der Welt, natürlich auch solche Leser, die von Frankreich nichts wissen wollen, denen Frankreich gleichgültig ist. Aber niemals sind den Lesern die Charaktere dieser Figuren gleichgültig, ihre Liebe und Eifersucht, ihr Geiz und ihr Ehrgeiz, ihre Niederlagen und Erfolge. Nichts Menschliches war ihm fremd.

Diese Coralie - seit siebzig Jahren unvergesslich

Die Lektüre Balzacs habe ich mit seinem Roman „Verlorene Illusionen“ begonnen. Warum gerade mit diesem? Ich weiß es nicht mehr, aber es mag mit seinem Thema zusammenhängen. Im Mittelpunkt der Handlung stehen nämlich Journalisten, Feuilletonisten und Kritiker. Der Held des Romans, der Poet und Journalist Lucien Chardon, kommt aus der Provinz nach Paris, wo er sich Lucien de Rubempré nennt. Übrigens hat sich Balzac ebenso wie der von ihm erfundene Lucien ebenfalls selber nobilitiert. Als man ihn jedoch darauf aufmerksam machte, dass er gar nicht von der aristokratischen Familie der de Balzac abstamme, soll er knapp geantwortet haben: Desto trauriger für diese Familie. Einer der Höhepunkte des Romans ist Luciens Liebe zu der Schauspielerin Coralie. Ich habe diese Geschichte vor siebzig Jahren gelesen und Coralie nie vergessen. Das weitere Schicksal Luciens und seinen Tod erzählt Balzac in dem Roman „Glanz und Elend der Kurtisanen“, der Fortsetzung der „Verlorenen Illusionen“. Von Oscar Wilde stammt das Wort: „Der Tod des Lucien de Rubempré ist eine der größten Tragödien meines Lebens.“

Einer seiner nach wie vor erfolgreichsten Romane, der auch für die Bühne bearbeitet wurde, ist „Eugénie Grandet“, die Geschichte eines fleißigen und geizigen Kleinbürgers und seiner schönen und empfindsamen Tochter. Gut und genau organisiert Vater Grandet seinen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Aufstieg. Er ist nun ein reicher und mächtiger Mann. Aber seine Rechnung geht doch nicht auf. Denn da gibt es einen Faktor, der von ihm nicht eingeplant wurde: Seiner Tochter Eugénie widerfährt, woran er nie im Leben auch nur gedacht hat - sie verliebt sich.

Genialität - und Nähe zur Hintertreppenliteratur

Den Roman „Vater Goriot“ hat man nicht ohne Grund mit Shakespeares „König Lear“ verglichen, denn auch Goriot ist von seiner Vaterliebe geblendet und gerät in die Nähe des Wahnsinns. Der Roman „Chagrinleder“ aus dem Jahre 1831 ist der erste Roman, der Balzac hohe Anerkennung brachte. Goethe warf diesem Roman Extravaganzen vor, bescheinigte jedoch dem Autor einen „ganz vorzüglichen Geist“.

Es gibt kaum einen Roman von Balzac, der nicht von seiner Genialität zeugen würde. Und kaum einen, dem die Nähe zur Hintertreppenliteratur nicht doch ein wenig anzumerken wäre. Trotz dieser Nähe erfreuten sich seine Werke rasch außerordentlicher Beliebtheit. Trotz oder vielleicht gar dank dieser Nähe?

Wie auch immer: In jedem seiner Romane steckt der ganze Balzac - und so ist denn (glücklicherweise!) jeder ein Unterhaltungsroman im besten Sinn dieses Begriffs. Ein Roman, der nicht unterhält (und das gilt besonders für die deutschen Romane), ist wie ein höchst nützliches Parfüm, das aber leider stinkt. Noch einmal: Nichts Menschliches, nichts Allzumenschliches war ihm fremd. Lesen Sie Balzac.

Ihre Fragen schicken Sie bitte an Sonntagsfrage@faz.de oder Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, Stichwort „Sonntagsfrage“, Mittelstraße 2-4, 10117 Berlin.



Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 09.12.2007, Nr. 49 / Seite 28
Bildmaterial: picture-alliance / dpa, picture-alliance / dpa/dpaweb

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