Ich bin Jahrgang 1944. In der Schule gehörte Werner Bergengruen zur Pflichtlektüre. Aber in der neulich erschienenen Literaturgeschichte der Bundesrepublik mit dem Titel Lichtjahre von Volker Weidermann wird Bergengruen kein einziges Mal erwähnt. Zu Recht?
Achim Stahlhauer, Köln
Reich-Ranicki: Ich habe einiges von Bergengruen gelesen, doch liegt diese Lektüre etwa ein halbes Jahrhundert zurück. Den Roman Der Großtyrann und das Gericht habe ich mit Respekt gelesen, obwohl ich nicht ganz sicher bin, ob ich es bis zum Ende des Buches durchgehalten habe. Ich kann mich auch an einige lesenswerte kleinere Erzählungen von Bergengruen erinnern, so Der Kopf, Der Schutzengel und Die Fahrt des Herrn von Ringen, die ich in meine in den sechziger Jahren erschienene Anthologie aufgenommen habe. Das alles liegt schon sehr lange zurück, und ich habe jetzt wirklich Wichtigeres zu lesen, als mich mit der doch etwas verstaubten Prosa Bergengruens noch einmal zu beschäftigen.
Der Leser aus Köln fragt indes, ob es akzeptabel sei, daß Bergengruen in Volker Weidermanns Literaturgeschichte der Bundesrepublik gar nicht vorkommt. Er scheint übersehen zu haben, daß der Untertitel dieses temperamentvollen und interessanten Buches etwas anders lautet: Eine kurze Geschichte der deutschen Literatur von 1945 bis heute. Dies erlaubt es dem Autor, ja es zwingt ihn, sehr vieles in seinem Buch wegzulassen.
Weidermann hat gewiß diese Prosa geprüft und ist zum Ergebnis gekommen, daß man auf sie, ähnlich wie in manchen vergleichbaren Fällen, verzichten könne. Kurz: Ich sehe keinen Grund, gegen seine Entscheidung zu protestieren.
Wenn ich mich recht erinnere, haben Sie unlängst Carl Zuckmayer als zu Unrecht vergessen bezeichnet. Welche Bedeutung hat er aus Ihrer Sicht heute?
Dr. Stephan Wick, Oldenburg
Reich-Ranicki: Es trifft nicht zu, daß Zuckmayer vergessen sei. Ich habe wahrscheinlich geschrieben, daß er heute unterschätzt werde. Wir verdanken ihm zwei in ihrer Zeit sehr erfolgreiche Stücke (Der Hauptmann von Köpenick und Des Teufels General) sowie auch einige bemerkenswerte Erzählungen. Aber Zuckmayers Situation war nicht ganz einfach: Für die Kritik galt er oft als zu volkstümlich und für das Volk bisweilen als zu kritisch. Die Linken hielten ihn für konservativ und die Konservativen für allzu links. So saß er oft zwischen allen Stühlen. Das jedoch ist für einen Schriftsteller kein schlechter Platz.
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Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 28.05.2006, Nr. 21 / Seite 28
Bildmaterial: Cinetext/LB