Fragen Sie Reich-Ranicki

Fragen Sie Reich-Ranicki

„Faust“ und die Superlative

13. März 2006 Können Sie mir zustimmen, daß der „Faust“ das beste je in deutscher Sprache geschriebene Werk ist, wenn nicht sogar der beste literarische Text überhaupt?
Gerd Hirchenhain, Fuldabrück

Marcel Reich-Ranicki: Unsere Leser lieben Superlative. Hier sind in einer Frage sogar zwei Superlativfragen verpackt. „Faust“, das bedeutendste, das schönste Werk in deutscher Sprache? Ja, damit bin ich gern einverstanden. Aber die Behauptung, es handle sich um den besten je geschriebenen literarischen Text, gefällt mir nicht. Die Italiener halten für das wichtigste literarische Werk Dantes „Göttliche Komödie“. Die Griechen würden wohl die „Ilias“ nennen oder die „Odyssee“, die Juden die Bibel. Die Engländer? Sie wären bestimmt für Shakespeare, wohl für den „Hamlet“. Von den Russen bekämen wir „Krieg und Frieden“ zu hören oder Dostojewskijs „Brüder Karamasow“ oder vielleicht Puschkins „Eugen Onegin“. Daraus geht nur hervor, daß jedes Volk eine andere Perspektive hat. Und das ist gut so und erfreulich.

Man stelle sich vor, die Superlativfrage würde die Lyrik betreffen. Da wäre eine Einigkeit unter den Nationen vollkommen unmöglich. Die Franzosen würden ein französisches Gedicht nominieren, die Engländer ein englisches, die Deutschen ein deutsches und die Polen ein polnisches, denn es gibt herrliche polnische Gedichte, deren Schönheit nur jene ermessen können, die des Polnischen mächtig sind. Ist es in der Musik, da sie doch von der Sprache unabhängig ist, wirklich anders? Heute gilt als der größte Komponist aller Zeiten natürlich Mozart. Doch so war es nicht immer. In meiner Jugend war auf Platz eins Beethoven und irgendwann wohl auch Bach. Vielleicht, frage ich ganz schüchtern, ist es unergiebig und überflüssig, ein derartiges Wettrennen der Genies zu veranstalten.

Im Jahre 2006 ist der 120. Geburtstag Benns zu feiern und seines 50. Todestages zu gedenken. Ist das Anlaß für eine Renaissance?
Rainer Hasse, Berlin

Marcel Reich-Ranicki: Eine etwas ärgerliche Frage. Seit dem Tod Benns im Jahre 1956 war er nie vergessen, er wurde auch nie vernachlässigt. In jeder Anthologie gibt es nicht wenige seiner Gedichte, in unserer „Frankfurter Anthologie“ sind es schon 34 Gedichte, und es sieht danach aus, daß Benn bald sogar Rilke überholen wird. Natürlich wird Benn im Deutschunterricht oft und gern behandelt. Kurz und gut: Wir brauchen keine Benn-Renaissance, weil sein Werk nach wie vor blüht und gedeiht.

Als humorvolle Schriftsteller nennen Sie unter anderen Wilhelm Busch, Joachim Ringelnatz, Christian Morgenstern, Erich Kästner. Es fehlt aber immer Eugen Roth. Ist er nicht wert, erwähnt zu werden?
Georg Schreiber, Frankfurt am Main

Marcel Reich-Ranicki: Bin ich denn zur Vollständigkeit verpflichtet? Muß ich mich rechtfertigen, weil ich diesen oder jenen Autor genannt oder nicht genannt habe? Eugen Roth ist natürlich einer Erwähnung wert. Aber das Format der anderen angeführten Humoristen kann man ihm, glaube ich, nicht zusprechen. Gleichwohl habe ich ihn in den Teil „Gedichte“ des von mir herausgegebenen „Kanons der deutschen Literatur“ aufgenommen. Es finden sich dort immerhin drei Gedichte von Eugen Roth.

Ihre Fragen schicken Sie an Sonntagsfrage@faz.de oder Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, Stichwort „Sonntagsfrage“, Mittelstraße 2-4, 10117 Berlin.



Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 12.03.2006, Nr. 10 / Seite 29
Bildmaterial: Cinetext/Sammlung Richter

 
FAZ.NET Suchhilfe
F.A.Z.-Archiv Profisuche