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Was denken Sie von Hemingway?

15. Dezember 2008 

Was denken Sie von Hemingway, der Generationen von Autoren, auch deutschen, beeinflusst hat? Bernd Klasen, Friedrichsdorf im Taunus

Ein fluchender Poet mit heiserer Stimme

Ein fluchender Poet mit heiserer Stimme

Reich-Ranicki: Hemingways Technik des Aussparens und des Auslassens, sein scheinbar simpler und in Wirklichkeit raffinierter Lakonismus und die Prägnanz und Präzision seiner Ausdrucksweise wurden von den Feinschmeckern zu Recht bewundert. Aber seine Prosa blieb auch jenem Publikum verständlich, das eher Trivialliteratur gewohnt war. Den unbedarften Lesern machte er es leicht, den Anspruchsvollen ersparte er ästhetische Gewissensbisse. So konnte Hemingway beides zugleich werden: der Thomas Mann der kleinen Leute und der Karl May der großen Snobs. Doch nirgends, jedenfalls in keinem europäischen Land, traf er auf so spontane Gegenliebe wie in Deutschland, und zwar sowohl in den Jahren vor Hitler - die ersten Übersetzungen seiner Bücher waren in deutscher Sprache erschienen (1928 „Fiesta“ und 1929 der Geschichtenband „Männer“) - als auch vor allem nach 1945. Worauf ist das außergewöhnliche Echo zurückzuführen?

Zunächst einmal: Nach verlorenen Kriegen liest sich Hemingway gut. Denn er zeigte, dass sich das Individuum erst in der Niederlage bewähren konnte, er feierte die Würde des Gescheiterten, er pries die moralische Überlegenheit des Besiegten. Er verkündete: „Die Welt zerbricht jeden, und nachher sind viele an den zerbrochenen Stellen stark.“

Der fluchende Poet

Die urdeutsche Verbindung von Heldentum und Innerlichkeit hat keiner der großen ausländischen Schriftsteller des zwanzigsten Jahrhunderts so schlackenlos und so überzeugend zu bieten gehabt wie Hemingway: Der fluchende Poet und feinfühlende Raufbold sang die alte Weise von Liebe und Tod mit heiserer Stimme, die derb männlich tönte und doch der Zartheit nicht entbehrte.

Überdies konnten die deutschen Leser bei Hemingway wiederfinden, was sie seit ihrer Jugend kannten, zumal jene Ideale, die ihnen ihre Erzieher oft genug als die wichtigsten gepredigt hatten. Seine fremde und bisweilen exotische Welt erwies sich doch als altvertraut. Auch hier wurden Disziplin und Selbstdisziplin verherrlicht, auch hier wurde der Ehrenkodex mit dem Ethos der Pflichterfüllung verbunden. Recht preußisch klingt, was der amerikanische Erzähler mit einer elegisch-schnoddrigen Diktion schmackhaft machte.

Hemingway und Schiller

Zugleich kehrten bei Hemingway jene schillerschen Moralvorstellungen wieder, die längst zu Büchmann-Zitaten zerronnen waren, doch hier mit verfremdeter Kulisse und in verfremdendem Tonfall eine neue Attraktivität gewannen. Das gilt eben für die Rebellion gegen das „tintenklecksende Säkulum“ wie für das Loblied auf die Treue („sie ist eben doch kein leerer Wahn“), auf die Einsamkeit der wahren Helden („Der Starke ist am mächtigsten allein“) und ihre Selbstlosigkeit („Der brave Mann denkt an sich selbst zuletzt“).

Auch die Kriegsverherrlichung Hemingways beherzigt Schillers Verse, die er vermutlich überhaupt nicht kannte („Im Felde, da ist der Mann noch was wert, / Da wird das Herz noch gewogen“). Und Tells Maxime „Wer zu viel bedenkt, wird wenig leisten“ scheint es fast allen Helden Hemingways angetan zu haben. Auch der am häufigsten zitierte Satz aus der Erzählung „Der alte Mann und das Meer“ („Man kann vernichtet werden, aber man darf nicht aufgeben“) findet sich schon bei Schiller. Und haben nicht die meisten Protagonisten Hemingways etwas mit dem edlen, kühnen und enttäuschten Karl Moor gemein, der sich in die Wälder zurückzieht?

Einfache Ideale auf höherer literarischer Ebene

Hemingways Abneigung gegen große Worte und seine Vorliebe für den kaltschnäuzigen Ausdruck waren in Deutschland in den Jahren der „Neuen Sachlichkeit“ höchst willkommen und entsprachen nach 1945 erst recht einem allgemeinen Zeitbedürfnis. Die von Politik nichts mehr wissen wollten und von nationaler Phraseologie genug hatten, begrüßten ein Werk, das vollkommen unpolitisch war und keinerlei nationale Tendenzen hatte. Die an die überkommenen Werte nicht mehr glauben wollten, bewunderten Helden, die eine eigene Ethik anstrebten und sich an einen eigenen Ehrenkodex hielten.

Die ihre Ideale eingebüßt hatten, fanden bei ihm neue Ideale, die leicht akzeptierbar waren, weil sie den alten - von Bindings Preislied auf die Ritterlichkeit bis zu Wiecherts Traum vom einfachen Leben - sehr ähnelten, nur auf ungleich höherer literarischer Ebene offeriert wurden.

Text: F.A.S.
Bildmaterial: picture-alliance / dpa

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