Sind Ihnen neben Wedekind weitere Fälle bekannt, in denen Schriftsteller als Werbetexter arbeiteten? Und verbietet das nicht der Respekt vor der Kunst und dem Wort?
Sigurd Trebitsch, Ingolstadt
Marcel Reich-Ranicki: Viele Schriftsteller und auch Maler haben für die Werbung gearbeitet. Viele Komponisten, auch geniale, haben die Musik zu scheußlichen Filmen gemacht. Das ist verständlich. Nur wer nie gehungert hat, wird die Kühnheit haben, dies zu missbilligen. Wer will, werfe einen Stein auf diese Dichter, Maler und Komponisten. Aber einer meiner Vorfahren, es ist lange her, warnte schon vor dem ersten Steinwurf. Er war ein kluger Mann, sein Wort gefällt mir sehr.
Meine chinesischen Germanistik-Studenten haben immer geklagt, die deutsche Nachkriegsliteratur sei zum großen Teil furchtbar langweilig. Ich stimme ihnen zu. Wie kommt es, dass die deutsch-jüdische Literatur nie langweilig gewesen ist?
Eckhard Berkenbusch, Göttingen
Marcel Reich-Ranicki: Sagen Sie Ihren Studenten, dass dies kompletter Unsinn ist und dass ich nicht bereit sei, mich darauf einzulassen.
Warum erinnert man sich nicht mehr an Otto Julius Bierbaums Zäpfel Kern? War er der erste deutsche Pinocchio?
Antje Prast, Düsseldorf
Marcel Reich-Ranicki: Das weiß ich nicht, und ich möchte es auch nicht wissen. Ich kann nur sagen: Offensichtlich will niemand dieses Buch lesen. Und da wir in einem freien Land leben, können wir niemanden dazu zwingen, irgendein Buch zur Kenntnis zu nehmen. Ich kann nur wiederholen, was ich in der Beantwortung von Leserfragen schon oft gesagt habe: Beinahe alle Bücher geraten mit der Zeit in Vergessenheit, beinahe. Übrigens: Ist das Buch wirklich von Bierbaum? Ich habe es in keinem Nachschlagebuch und in keiner Literaturgeschichte gefunden.
Warum bleibt ein origineller, moderner, intelligenter und auch traditionsbewusster Lyriker wie Durs Grünbein immer noch für ein breites Publikum ein Nischenlyriker? Meine Freunde und Bekannten kennen ihn alle nicht.
Jens Grimstein
Vielleicht überfordert er seine Leser. Aber er schreibt so, wie er es für richtig hält - und niemand sollte es ihm verübeln. Niemand sollte von ihm erwarten, dass er den Lesern entgegenkommt. Das tut Grünbein natürlich nicht. Ihre Bekannten, die nicht einmal seinen Namen kennen, haben keine Ahnung von zeitgenössischer Literatur. Das gilt für sehr viele Bewohner dieses Landes und aller anderen Länder.
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Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 22.07.2007, Nr. 29 / Seite 23
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